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Norddeutsche Rundschau

13. Dezember 2017 | 18:38 Uhr

Kultur : Zum Schluss mörderisch gute Filme

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Preisverleihung in Itzehoe: KrimiNordica-Award geht an chinesischen Festival-Beitrag / Publikumspreis für Alexander Reschs „Der rote Punkt“.

Wenn Kabarettist Manfred Degen an die Zukunft seiner Geschlechtsgenossen in Schleswig-Holstein denkt, beschleicht ihn Angst. Nicht nur, dass Männer von Natur aus rund fünf Jahre weniger zu leben haben als Frauen – die Gefahr scheint groß, dass nur ein Bruchteil von ihnen überhaupt jemals die volle Zeitspanne bis zum natürlichen Tode mit gut 77 Jahren auskosten darf. Es sei nicht nur eine Verweiblichung der Autorenschaft festzustellen, sondern auch eine beängstigende Verweiblichung der Täterschaft, stellte Degen bei der Verleihung der KrimiNordica-Awards in Itzehoe fest.

Tatsächlich dominierten beim Kurzkrimi-Wettbewerb, den das Stadtmanagement Itzehoe in Zusammenarbeit mit unserem Verlag im Rahmen des Krimifestivals ausgerufen hatte, die Täterinnen. Aus 311 Einsendungen wählte die Jury „Finstere Wellen“ von Leonie Lastella auf Platz 3. In dem Kurzkrimi, der auf einer Hallig spielt, „wohnt das nackte Grauen“, stellte Manfred Degen fest.

Direkt vor der Haustür der KrimiNordica, in der Wilstermarsch, spielt „Baby“ von Heike Denzau, die Rang 2 belegte. Der Leser werde in der Geschichte um Krankenschwester Maren, deren Rückführung eines Strafgefangenen ins Leben und die Freiheit in ein böses Ende nimmt, zum Komplizen, der irgendwann nur noch denke: „Tu es endlich!“, meinte Degen.

Und auch beim 1. Platz in der Kategorie „Story“ liege die Sympathie schnell bei der Täterin statt beim Opfer: Anne Kersgaards Kurzkrimi „Beim nächsten Mann wird alles anders“ lässt nicht nur das Grauen auf leisen Sohlen anschleichen – er besticht auch durch ein überraschendes Ende.


Kurz-Krimis qualitativ dicht beieinander


Nicht nur für die Jury sei die Entscheidung schwer gewesen - wie dicht die eingereichten Kurzkrimis qualitativ beieinander lagen, habe auch der Leserpreis gezeigt, sagte shz-Kulturredakteur Martin Schulte. In den vergangenen Wochen konnten Leser unseres Wochenend-Journals ihren Favoriten wählen – und zwischen Platz 1 und Platz 2 lagen nur zwei Stimmen. Auf Platz 3 landete „Mommsens Menü“ von Dirk Fricke. Platz 2 belegte „Finstere Wellen“ von Leonie Lastella. Am höchsten in der Lesergunst stand „Nur ein Fahrrad“ von Claudia Wenk. Damit setzte sich wie schon 2013 eine Geschichte durch, die in der Nachkriegszeit spielt: Im Pflegeheim trifft ein freiwilliger Helfer auf den SS-Mann, der einst seine Familie zerstörte.

Fest in Männer-Hand blieb der Award in der erstmals ausgerufenen Kategorie Film. 115 Einsendungen aus aller Welt, von humorvoll bis gruselig, musste die hochkarätig besetzte Jury begutachten. Platz 3 belegte „essen – stück mit aufblick“ von Peter Böving. Ein Mann, ein Auto und eine Fliege reichen im zweitplatzierten Beitrag „The Fly“ von Olly Williams aus Großbritannien, um eine Katastrophe herbei zu führen.

Der Hauptpreis ging nach China: „Pan Ruo Yun Ni“ („Wolken und Schlamm“) von Acheng Dong setzte sich durch – und das völlig zu Recht, wie Schauspieler Ingo Naujoks als Jury-Mitglied und Schirmherr der KrimiNordica, betonte: Acheng Dong sei ein Überzeugungstäter, ein philosophischer Regisseur. Seine Filmfiguren drängten von der Leinwand ins Bewusstsein der Zuschauer. Der Regisseur glaube, dass jeder von uns Gut und Böse in sich vereine. In dem Film, in dem ein Dieb und ein alter arbeitender Mann aufeinander treffen, „haben sie sich gefunden, begegnen sich, locken sich, bedingen sich.“

Acheng Dong war extra aus China für die Preisverleihung angereist. Er bedankte sich für die Anerkennung und dafür, dass sein Film die Möglichkeit habe, in Deutschland gezeigt zu werden. Er habe die gesamte Produktion alleine finanziert. Die 2000 Euro Preisgeld kamen daher wie gerufen.

In der Gunst des Publikums, das bei zwei Filmnächten in Glückstadt und Itzehoe auch acht nominierten Filmen wählen konnte, lag Alexander Reschs „Der rote Punkt“ vorn – und zwar mit Abstand, wie Laudatorin Grit Buscher, Regionalleiterin der Cinemotion-Kinos, betonte.

Mit Show-Beiträgen sorgten Richard Rossbach, Stephanie Ebel, die „Helden der Nation“, das Fanfaren-Corps Nortorf und Tänzerinnen der Tanzschule Kathrin Giesen für mörderische Unterhaltung und Verschnaufpausen zwischen all dem Gemeuchel.

Aber darf man das alles überhaupt – das Verbrechen feiern, nur einen Tag nach den schrecklichen Attentaten in Paris? Ja, hatten die Verantwortlichen nach einer Krisenkonferenz beschlossen. „Wir wollen eine strikte Linie ziehen zwischen dem, was in Paris passiert ist, und der reinen Fiktion, um die es bei der KrimiNordica geht“, betonte Moderator Thomas Claaßen gleich eingangs. Nur ein paar Textzeilen und Programmpunkte waren aus Respekt vor den Opfern abgeändert worden. Wenn man solche Veranstaltungen absage, hätten die Attentäter erreicht, was sie wollen, sagte die Itzehoer Stadtmanagerin Lydia Keune-Sekula hinterher.

>Kurzgeschichten und Gewinner-Filme unter: www.kriminordica.de


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