„Zukunft macht man sich“

Bürgermeister Klaus Braak auf dem Backens-Platz: Auch hier wurden Fassaden mit Hilfe von Fördergeldern saniert.
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Bürgermeister Klaus Braak auf dem Backens-Platz: Auch hier wurden Fassaden mit Hilfe von Fördergeldern saniert.

Marner Bürgermeister Klaus Braak über die Entwicklungsperspektiven von Kleinstädten als Unterzentren

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02. Januar 2018, 00:00 Uhr

Marne In der Marschenstadt wurde ein Langzeitprojekt abgeschlossen: die Revitalisierung der Innenstadt. Mehr als zwei Jahrzehnte sind in diese Maßnahme investiert worden. Von der öffentlichen Hand flossen rund 10 Millionen Euro, private Investoren brachten weitere 18 Millionen auf. Klaus Braak (57, CDU), Marner Bürgermeister seit zwei Jahren, zieht eine Bilanz.

Herr Braak, die so genannte Revitalisierung der Innenstadt war für Marne ein Kraftakt. Hat es sich gelohnt? Ist mehr entstanden als schöne Fußwege im Stadtkern?
Braak: Das Leitprojekt „Revitalisierung der Marner Innenstadt“ umfasst neben einer attraktiven Straßengestaltung auch die Fassadengestaltung, die Sanierung der Straßeninfrastruktur, die Modernisierung vorhandener Gebäude sowie die Gestaltung des Platzes vor der Tonhalle. Dieses wurde ergänzt durch ein weiteres Leitprojekt, das Kultur- und Bürgerhaus.

Die Eigentümer im Sanierungsgebiet profitierten unter anderem auch dadurch, dass für die Straßenerneuerungen statt Ausbaubeiträgen Ausgleichsbeträge erhoben wurden. Diese orientieren sich nicht an den effektiven Kosten, sondern an einer von Gutachtern geschätzten Wertsteigerung ihrer Grundstücke, wodurch der zu zahlende Betrag erheblich niedriger ausfällt – um zirka 80 bis 90 Prozent. Viele Eigentümer nutzten zudem die angebotene finanzielle Unterstützung zur Modernisierung ihrer Gebäude.


Wie wichtig war es, dass das Sanierungsgebiet erweitert werden konnte um den Bereich an der Süderstraße, wo ein privater Investor Wohnraum und neue Läden entstehen ließ?
Die Stabilisierung des Einzelhandelsstandortes hängt unmittelbar zusammen mit Einkaufsmöglichkeiten im Lebensmitteleinzelhandel, welcher auch den Löwenanteil des Einzelhandelsumsatzes darstellt. So auch in Marne, wie seinerzeit das Gutachten „Einzelhandelszentren- und Standortkonzept der Stadt Marne“ vom September 2007 festgestellt hatte. Die dauerhafte Ansiedelung einer Ladenstruktur mit einem Vollsortimenter- und einem Discounterstandort im „Zentralen Versorgungsbereich“ wurde als notwendig erkannt und 2010 mit der Umsetzung begonnen.

Leerstand gibt es dennoch in den Geschäften. Haben Sie Hoffnung, dass sich das ändert?
Ja und nein. Nein, wenn es um die Wiederbelebung verschwundener Strukturen geht. Diese werden gegen die Marktentwicklung auch mit größeren Geld-Infusionen nicht wieder zum Leben zu erwecken sein. Ja, wenn man anderweitige Verwendungen der leer stehenden Ladenlokale ins Auge fasst, wozu uns kürzlich Gutachter auch geraten haben. Führt man sich die Entwicklung in der Bundesrepublik in den vergangenen 25 Jahren vor Augen, dann ist die entscheidende Veränderung das Internet. Das betrifft uns alle: Handel, Arbeit, Freizeitgestaltung, Meinungsbildung. Dieses Rad werden wir nicht mehr zurückdrehen können.

Zur Revitalisierung gehört ein Einzelhandelskonzept, das die kleinen Geschäfte im Zentrum schützen soll. Wenn Sie an die Pläne von Aldi denken, möglicherweise der Stadt den Rücken zu kehren, weil am jetzigen Standort nicht erweitert werden kann und ein neuer Standort nahe Edeka von den Bürgern abgelehnt wurde, erweist sich das Konzept hier als hinderlich?
Unter anderem wegen dieser Problemstellung hat die Stadt Marne ein erneutes Gutachten zur Fortschreibung des Einzelhandelskonzeptes in Auftrag gegeben. Innerhalb dieses Begutachtungsprozesses wurden bereits eine Bestandsanalyse und ein erster Entwurf präsentiert, übrigens unter Beteiligung des Gewerbevereins. Grob zusammengefasst kam dabei Folgendes heraus: der Zentrale Versorgungsbereich der Stadt Marne ist für ein Unterzentrum relativ groß, erfreulich kompakt und erstaunlich gut aufgestellt - sozusagen ein gelungenes Beispiel eines erfolgreichen Einzelhandelskonzeptes. Dennoch ist auch zukünftig mit Veränderungsbedarf zu rechnen. Auch wenn man kein Konzept hätte, könnte sich nicht jeder dort ansiedeln, wo es ihm beliebt. Die Landesplanung hätte noch ein Wort mitzureden, unter anderem weil der Einzelhandelsstruktur sonst Aufspaltung oder Zersplitterung drohen würde. Mittel oder Unterzentren in unserer unmittelbaren Umgebung haben eben mit diesem Problem zu kämpfen, zum Beispiel dass zwei Stadtzentren auch bei größerer Wohnbevölkerung kaum zu verkraften sind. Zudem ist das Ziel eines Konzeptes nicht die Verhinderung von Umsatz, sondern die Vermeidung ruinösen Wettbewerbs auf Kosten der Allgemeinheit.

Ist die millionenschwere Maßnahme ein gutes Beispiel für andere Städte vergleichbarer Größe?
Jede Kommune sollte sich genau überlegen, ob sie entsprechende Förderangebote ablehnt, gleich wofür das jeweilige Förderprogramm aufgelegt wird: für Einzelhandel, innerstädtische Wohnbebauung, städtebauliche Strukturen oder Freizeit und Erholung.

Mit Blick auf den Haushalt: Würde ein solches Programm heute noch einmal Chancen haben?
Ja. Die Teilnahme an Förderprogrammen ist immer mit Investition verbunden und das bedeutet für jede Kommune Kreditaufnahme. Kaum eine Kommune ist in der Lage, die Teilnahme an so einem Förderprogramm aus den laufenden Einnahmen zu finanzieren. Allein deshalb schon nicht, weil Einnahmen und Ausgaben üblicherweise gegeneinander austariert werden. Das gilt aber auch für den kleineren Maßstab. In der Vergangenheit hat die Stadt an Bewerbungen zur Erlangung von Fördermitteln unter anderem nur deshalb nicht teilgenommen, weil kein zu dem entsprechenden Förderzweck passendes Projekt vorlag.

Wo sehen Sie Marne in 20 Jahren?
Das hängt davon ab, wie Marne als Einzelhandelsstandorts bestehen kann, welche Mittel zur Verfügung stehen und ob es uns gelingt, die überörtliche Zusammenarbeit zu optimieren. Angesichts der prognostizierten demografischen Bevölkerungsabnahme in Dithmarschen wird die Bedeutung Marnes als Unterzentrum der südlichen Marsch eher noch zunehmen, allein wegen der hier angesiedelten versorgenden Strukturen. Wünschenswert wäre die Ansiedelung einer nennenswerten Anzahl von Arbeitsplätzen und die Herstellung einer Verkehrsverbindung an das Oberzentrum Hamburg, welche diesen Namen auch verdient. Das Bestreben aller Kräfte in und um Marne muss die Zusammenarbeit zwecks maximaler Ausnutzung der knapp bemessenen Ressourcen sein, und das meint mehr als nur Geld. Wir, Diekhusen-Fahrstedt, Helse, Marnerdeich und Marne, wurden vor zirka zwei Jahren von der Landesregierung aufgefordert, uns mit dem Thema „Stadt und Umland-Kooperation“ auseinander zu setzen. Erste Schritte sind gemacht – der Weg ist allerdings noch lang.
Auch für Kommunen gilt: Zukunft hat man nicht – Zukunft macht man sich.


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