Zu viel Tiefsinn: Verstaubter Kleist aus dem Dramenkeller

Schrei-Theater: Das Ensemble spielte engagiert.
1 von 2
Schrei-Theater: Das Ensemble spielte engagiert.

shz.de von
11. Mai 2015, 05:00 Uhr

Die These, „Faust II“ sei häufiger gelesen als „Familie Schroffenstein“, stellt kein besonderes Wagnis dar. Wohl aber, Kleists Dramen-Erstling auf die Bühne zu bringen. Zu lang, zu viele Gedanken, zu viel geistes- und ideengeschichtlicher Kontext, den man kennen sollte, zu wenig individuelle Figurenzeichnung, stattdessen eine Voll-Last an Gedankenschwere und Tiefsinn. Trotzdem versuchte sich das Landestheater unter Leitung der Dramaturgin Franziska Lüdtke und unter der Regie von Wolfram Apprich im Theater Itzehoe an dem verstaubten Stück aus dem Dramenkeller.

Aber bei allem Respekt für den innovativen Schwung, der sich auch in einer sinnreichen gegenläufigen Doppeldrehbühne (Martin Fischer) und einer hintergründigen Musikbegleitung (Christoph Coburger) auswies; trotz einer engagierten Ensembleleistung und trotz einer intensiven Präsenz der beiden Schlüsselfiguren Manja Haueis als Agnes und Daniel Rattei als Ottokar: Der alte Kleist brachte nichts Neues. Grausige Irrtümer und unglückselige Rächer benötigen wir heute nicht mehr zur Erhellung unseres Verstandes. Wir wissen um die Irrtumsfähigkeit unseres Handelns, uns muss nicht mehr demonstriert werden, dass der Mensch dem Menschen ein Wolf ist, und dass man sich auch auf Gefühle verlassen kann, das ist ein alter Hut.

Auf der Bühne wird viel gedacht und gefühlt, aber noch mehr geschrien. Und wenn man per Schrei-Theater über den Sinn und die Notwendigkeit von Vermittlung und die Bereitschaft zum Sich-Aussprechen aufgeklärt werden soll, dann sagt man doch eher „Nein, danke!“ zu diesem Kleistschen Versuch, Idee und Wirklichkeit zu versöhnen. Immerhin war das Theater nicht schlecht besetzt, sogar Schüler aus Husum wollten sich von Kleist unterhalten lassen. Aber zu lachen gab es nichts. Ganz anders als bei Goethes „Faust II“!



zur Startseite
Karte

Kommentare

Leserkommentare anzeigen