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Norddeutsche Rundschau

18. August 2017 | 19:01 Uhr

Prozess : Zu Tode behandelt

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Der ehemalige Gefängnisarzt der Justizvollzugsanstalt Itzehoe muss sich erneut vor Gericht verantworten.

14 Milliliter Methadon. Sie kosteten im Januar 2011 einen Häftling der Justizvollzugsanstalt Itzehoe das Leben. Im März 2013 hatte das Amtsgericht Itzehoe den Gefängnisarzt, einen Mediziner (47) aus Itzehoe, zu 20 000 Euro Geldstrafe wegen fahrlässiger Tötung verurteilt. Dagegen ging er an – seit gestern läuft die Berufungsverhandlung vor dem Landgericht.

Die Staatsanwaltschaft verzichtete auf eine eigene Berufung, höher als in der ersten Instanz kann die Strafe deshalb nicht ausfallen für den Angeklagten. Ihn verteidigt Johanna Dreher-Jensen, und die griff alsbald die Sachverständige Dr. Stephanie Iwersen-Bergmann an. Zehn Milliliter Methadon, so meinte diese, seien die Tageshöchstdosis, mehr sollte man nicht verordnen. Dazu die Verteidigerin: ,,Sie wollen meinen Mandanten hier nur vorführen.“

Der Vormittag des 19. Januar 2011. Die Polizei brachte einen 26-jährigen Drogensüchtigen aus Wedel in die Haftanstalt. Ein 55-jähriger Mitarbeiter nahm den Mann auf, bemerkte sein Zittern und erkannte Entzugserscheinungen. Der JVA-Beschäftigte war zwölf Jahre Sanitäter bei der Bundeswehr und bis zu diesem Tag zuständig für den Lazarettdienst in der Anstalt, der den gesundheitlichen Status eines Neuzugangs beinhaltet. Er rief den Arzt an, schilderte ihm die Symptome. Der niedergelassene Hausarzt war von 2009 bis zu diesem 19. Januar zugleich Gefängnisarzt.

Der JVA-Mitarbeiter berichtete vor Gericht, was der Wedeler zur Frage nach Drogen sagte: acht bis zwölf Milliliter Methadon pro Tag, dazu Rohypnol und Kokain. „Das war sein ständiger Konsum, den er sich auf dem Schwarzmarkt besorgt hat.“ Auf dieser Basis entschied der Arzt am Telefon auf 14 Milliliter Methadon plus bei Bedarf eine Valium-Tablette und ein Antidepressivum. Der Schließer gab dem
26-Jährigen die Medikamente, der schluckte sie hinunter und fiel in einen tiefen Schlaf.

Rund vier Stunden später sollte er geweckt werden, doch das gelang nicht. Wieder Anruf beim Arzt, der gerade auf der Autobahn fuhr. Er ließ sich Puls und Blutdruck des Mannes geben und sah keinen Handlungsbedarf. Doch auch der nächste Weckversuch schlug fehl. Gegen 18.15 Uhr kam der Arzt in die Haftanstalt und ordnete an, den Wedeler ins Krankenhaus zu bringen. Doch kurz darauf kollabierte er und starb.

Das Amtsgericht attestierte dem Arzt eine mangelhafte Untersuchung. Eine Telefondiagnose mit einem als Sanitäter geschulten Gefängniswärter vor Ort reiche nicht. Die Obduktion ergab als Todesursache die Überdosis Methadon – und diese, so das Urteil, sei für den Angeklagten vorhersehbar und vermeidbar gewesen.

Der 55-jährige JVA-Angestellte hielt zu dem Mediziner: „Er war unser bester Arzt.“ Jederzeit habe man anrufen können, und er sei gekommen. ,,Nur an diesem einen Tag ist er nicht gekommen.“ Der Prozess wird am 14. Februar fortgesetzt.

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erstellt am 28.Jan.2014 | 13:30 Uhr

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