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Norddeutsche Rundschau

22. August 2017 | 12:08 Uhr

Theater : Zeitlose Analyse von Missständen

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Viele jugendliche Besucher im theater itzehoe bei Aufführung von Bertolt Brechts „Dreigroschenoper“.

„ Warum klatscht ihr denn so? Glaubt ihr, ihr seid was Besseres? Ihr sitzt auch nur vom Geld eurer Eltern hier.“ Die Beschimpfung erfolgte unmittelbar und verlieh Bertolt Brechts gesellschaftskritischer „Dreigroschenoper“ verstörende Authentizität.

Die Bettler mit den falschen Zahnstummeln und Wunden zogen mitleidheischend durch die Sitzreihen und erprobten ihre Kunst der Verstellung an den jugendlichen Besuchern im theater itzehoe. Sie arbeiten für Bettlerkönig Peachum, dem Gangsterboss Mackie Messer als ungeliebter Schwiegersohn in die Quere kommt und dadurch das kriminelle Gleichgewicht der Kräfte ins Wanken bringt. Letzteres drückte das raffinierte Bühnenbild als goldene Justitia aus, der mehrfach mit einer dunklen Brille die Augen verschlossen werden müssen und die am Schluss zum Galgen für Mackie umfunktioniert wird. Das Theater für Niedersachsen spielte vor vollem Haus, da viele Schulklassen die Gelegenheit nutzten, ein Brecht-Stück mitzuerleben.

Einige Schüler hatten zuvor Inhaltsangaben oder sogar die Dialoge gelesen und waren sich begeistert einig: „So habe ich es mir doch nicht vorgestellt.“ So frech und schrill, so überzogen und direkt. Brechts genresprengendes musikalisches Bühnenwerk ist mit seinen Verfremdungseffekten noch immer für Überraschungen gut.

Die Hildesheimer Inszenierung startete mit einem beeindruckenden Maskenspiel an der großen Hochzeitstafel und setzte in den ersten Akten auf eine gelungene Aktualisierung der Bettlerklischees – so saß der „musikalische Roma“ mit E-Gitarre neben dem Verkäufer der Straßenzeitung, der der Heroinsucht abschwor. Brechts analytische Durchforstung der gesellschaftlichen Missstände – vom Rotlichtmilieu über den Konkurrenzkampf der Kleinkriminellen bis zu den Banken- und Korruptionsskandalen – verriet ansonsten wenig vom Alter des verarbeiteten Stoffs, der sich an die „Beggar’s Opera“ von 1728 anlehnt. Denn Mackie Messers berühmte Frage „Was ist ein Einbruch in eine Bank gegen die Gründung einer Bank?“ erscheint immer noch jung, und seine Feststellung, dass erst „das Fressen kommt, dann die Moral“ auch nicht von gestern.

Die derbe angedeuteten Sexszenen konterten mit ihren mechanistischen Übertreibungen alle romantischen Anflüge, die Kurt Weills eingängige Musik nahelegen könnte. So gipfelte die dramaturgische Mischung aus Ohrwürmern und schrillen Tönen, aus Betroffenheit und Distanz am Schluss im Slapstick-Auftritt von Polizeichef Brown, der auf dem Steckenpferd reitend von der Begnadigung Mackie Messers durch die Königin verkündete und mahnte: „Die reitenden Boten des Königs kommen sehr selten, wenn die Getretenen widergetreten haben. Darum sollte man das Unrecht nicht zu sehr verfolgen.“




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erstellt am 31.Okt.2014 | 12:00 Uhr

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