Lokale Handwerksgeschichte : Wurst machen im Wohnzimmer

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Es ist ein kleiner Schatz: Das Kreis- und Stadtarchiv erhält alte Unterlagen zu einer Itzehoer Schlachterei – und damit ein Stück Handwerksgeschichte.

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26. Juni 2018, 05:32 Uhr

Eine „richtige Fundgrube“ seien die Unterlagen und Fotografien, die Walter Wuttke dem Kreis- und Stadtarchiv übergeben hat, sagt dessen Leiterin Kirsten Puymann. Der Ulmer ist der Enkel des Itzehoer Schlachtermeisters Emil Putz (1873-1957) und hat von diesem ein umfangreiches Konvolut an Briefen, persönlichen Erinnerungen, Fotografien und Geschäftsunterlagen geerbt. Die Papiere vermitteln einen faszinierenden Einblick in eine längst vergangene Lebenswelt.

So beschreibt Putz in seinen in den 1950er Jahren aufgezeichneten Lebenserinnerungen, wie er als eines von neun Kindern in einem Handwerkshaushalt des späten 19. Jahrhunderts aufwuchs. Die heute selbstverständliche Trennung von Wohn- und Arbeitsraum war damals noch unüblich. „Laden war der Hausflur und Wohnung ein Zimmer, in dem sich das ganze Leben entwickelte“, schreibt Putz. „Das Wasser zum Brühen der Schweine wurde auf dem Kochherd heiß gemacht und ebenso wurde im selben Zimmer die Wurst gemacht.“ Die „Dauerwurst“ wurde im Kamin des Haushalts quasi als Nebenprodukt im Rauch des Herdfeuers hergestellt.

Die Unterlagen zeigen unter anderem, wie mobil die Menschen im 1871 entstandenen Deutschen Reich waren. Die Familie zog mehrfach um, was auch mit Pleiten zusammenhing. Putz lernte das Schlachterhandwerk in Schneidemühl in der Provinz Posen (heute Polen). Sein Bruder arbeitete als Geselle in Berlin und Hamburg. Die Eltern waren inzwischen in Rethwisch gelandet, mit ihrer Unterstützung machte er sich 1902 am Kremper Weg in Wellenkamp selbstständig. Der Geschäft lief zunächst schlecht, schreibt Putz, und er plante schon, nach Schneidemühl zurückzukehren.

Dann lernte er in Itzehoe seine spätere Frau kennen, und ihm wurde von Schlachtermeister August Wierny dessen voll ausgestattete Schlachterei in der Großen Paaschburg 23 zum Kauf angeboten. „Es waren Eiskeller, Schlachthaus und Gas vorhanden.“ Am Kremper Weg habe er „alles in der Waschküche machen müssen“.


Kundenkreis wächst immer weiter

Zudem machte der Schlachter sich in der Kreisstadt langsam einen Namen. „Der Kundenkreis vergrößerte sich immer mehr“, schreibt Putz. Nach der Verlobung kaufte er das Geschäft in der Innenstadt für 300 Reichsmark. Bis 1982 führte die Familie die Schlachterei an diesem Standort fort.

„Ich finde daher, diese Dinge gehören einfach nach Itzehoe“, begründet Putz-Enkel Wuttke die Schenkung an das Archiv. „Wir können noch gar nicht bis ins letzte Detail sagen, was wir alles erhalten haben“, sagt Puymann. „Die Unterlagen müssen nun erstmal gesichtet und kategorisiert werden.“ Dann stehen sie zur weiteren Erforschung zur Verfügung und können als Quellen der Wirtschafts- und Alltagsgeschichtsschreibung dienen, erklärt Puymann. „Gerade im Bereich des Handwerks gibt es für Itzehoe nicht sehr viele detaillierte Quellen.“

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