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Landwirtschaft heute : Wo unser Fleisch und unsere Milch herkommen

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Familie Ehlers aus Grevenkop zeigt wie heutzutage auf einem Bauernhof gearbeitet wird und wo die Lebensmitteln herkommen.

shz.de von
erstellt am 16.Apr.2014 | 17:04 Uhr

Wer von der vielbefahrenen Grevenkoper Hauptstraße auf den Ehlers Hof einbiegt, wird erst einmal durch ein Verkehrsschild ausgebremst. Klare Ansage: Tempo 5, also Schrittgeschwindigkeit. Die Sorge der Bewohner gilt weniger dem Tierbestand. Milchkühe und Zuchtschweine sind sicher in ihren Ställen untergebracht. Selbst Hofhund Bella kommt erst nach genauer Klärung der Sachlage neugierig angelaufen.

Die Fürsorge gilt eher der jüngsten Ehlers-Generation. Spross Arthur zum Beispiel. Der aufgeweckte Zweijährige könnte unvermittelt aus einem Scheunentor herauslaufen oder hinter einem Schlepper hervorspringen. Auch seine drei Geschwister - Conrad (3), Johann (7) und Kara (8) - haben den gesamten Hof zu einem einzigen großen Abenteuerspielplatz erklärt. Bereitwillig führen sie den Besucher zu ihren Geheimverstecken. Und davon gibt es viele. Schnell noch ein Blick in den Stall für die fünf Hühner. Hier liegt eine tote Maus. „Tote Tiere darf man nicht anfassen“, klärt Kara noch schnell auf und sprintet um die Ecke.

Um ihre vier Kinder müssen sich Svenja und Eike Ehlers an diesem Nachmittag nicht viel kümmern. Die können sich wunderbar alleine beschäftigen. Das Ehepaar hat ohnehin auch so alle Hände voll zu tun. Gemeinsam mit Schwiegermutter Renate (62) rückt die 35-Jährige zweimal am Tag im Melkstand an. „Das ist Frauenarbeit“, sagt sie schmunzelnd und meint das auch gar nicht anklagend. Von Hause aus ist die junge Mutter eigentlich Juristin. Das Studium schloss sie zunächst einmal mit einem Diplom ab. „Jetzt bin ich in Elternzeit.“

Aufgewachsen ist Svenja Ehlers in Albersdorf. Aber wie passen Juristerei und Landwirtschaft zusammen ? „Mein Onkel ist auch Landwirt“, weist sie auf den beruflichen und familiären Stallgeruch hin. Kennengelernt hatten sich Svenja und Eike Ehlers bei einer Weihnachtsfeier der Landjugend. Und jetzt gibt es Großfamilie pur.

Berichtet Svenja Ehlers über den Alltag auf dem Hof kommt sie schnell ins Schwärmen: „Bei uns gibt es immer feste gemeinsame Mahlzeiten“ – was in vielen anderen Familien längst nicht mehr an der Tagesordnung ist. “ Nach dem Melken um 8 Uhr Frühstück, Mittagessen um 12. Luxus dank Großfamilie: Beim Kochen wechselt sie sich mit Schwiegermutter Renate ab. Zwischendurch gibt es natürlich noch Fahrdienste mit den Kindern. Die ganz Kleinen gehen vormittags nach Krempe in den Kindergarten, die größeren zur Grundschule nach Rethwisch. „Beim Fahren wechseln wir Eltern uns ab“, macht die Mutter auf einen Umstand aufmerksam, der viele Eltern auf dem Lande in Trab hält.

Inzwischen ist die ganze Familie im Heuschober für den Termin mit dem Fotografen versammelt. Zu Kindern, Eltern und Schwiegermutter gesellt sich jetzt auch noch Opa Claus. Der 88-Jährige wird nach einem langen und harten Berufsleben im Rollstuhl herangeschoben. Mit von der Partie sind zwei weitere junge Männer, die gewissermaßen auch schon zur Familie gehören. Alex Mehrens ist auf dem Hof festangestellt. Der Siethwender hatte hier einst das landwirtschaftliche Handwerk von der Pike auf gelernt. Gemeinsam mit dem Brokdorfer Thomas Block ist Alex gerade mit Erdarbeiten für den Bau einer neuen Siloplatte beschäftigt. Sein Kompagnon arbeitet eigentlich bei einem Lohnunternehmer. Auf dem Hof Ehlers hilft er auf 450-Euro-Basis aus. „Die Stimmung auf dem Hof ist prima. Sonst wäre ich nach acht Jahren auch nicht zurückgekommen“, sagt der gutgelaunt und entspannt daherkommende Alex. Beide müssen natürlich mit aufs Familienfoto.

Bleibt noch der Bauer selbst. Bei Eike Ehlers hat man den Eindruck, er sei mitunter gleichzeitig an mehreren Stellen aktiv. Während die Frauen 84 Kühe von ihrer Milchlast befreien, scheucht der 40–jährige die Tiere in Richtung Melkstand. Jeweils 32 Kühe werden hier zeitgleich abgearbeitet, 16 auf jeder Seite. Ein Durchgang dauert rund 15 Minuten. Nach einer Stunde ist die gesamte Milch im Tank und muss nur noch von der Barmstedter Meierei abgeholt werden.

Eike Ehlers ist längst einen Stall weiter und versorgt die Kälber. Auf dem Weg dahin wirft er Mitarbeiter Alex ein freundliches Wort zu. Dann schnell noch einen Blick in den Schweinestall. Hier schließen und öffnen sich die Lüftungsklappen automatisch. 1500 Mastplätze gibt es auf dem Hof. „Entscheidend ist die Herkunft der Tiere“, sagt der Landwirt. Er bezieht sie aus einer Zucht seines Vertrauens im nordfriesischen Achtrup.

Jeweils gut 100 Tage bleiben die Schweine auf dem Hof. Dann haben sie ihr Schlachtgewicht und treten die kurze Reise zum Schlachthof Basche nach Itzehoe an. Und was bleibt am Ende für den Bauern übrig ? „So zwölf Euro pro Tier“, sagt Ehlers und berichtet nicht ohne Stolz, dass er dank ausgeklügelter Futtertechnik und guter Beratung im Unterschied zu so manchem Berufskollegen damit deutlich in der Gewinnzone liegt. Die Stallungen hat Ehlers in England gekauft. Er schwört auf das System, nur das Dach sei Plünnkram gewesen. Gut 40 000 Euro hat er in eine neue Bedachung investiert – und die Einnahmequelle dafür gleich obendrauf montiert: Sonnenkollektoren. „Damit bezahle ich das Dach“, macht Ehlers eine schnelle Rechnung auf.

In Sichtweite eine weitere Einnahmequelle für den Hof. Hier drehen sich die Räder des Grevenkoper Bürgerwindparks, an dem Eike Ehlers sich natürlich auch beteiligt hat. Für den Betrieb geht die Mischkalkulation auf. Ist das Milchgeld wieder am Boden, lässt sich mit den Schweinen was verdienen – oder umgekehrt. Als Grundstock hat er dann noch die Einnahmen aus den erneuerbaren Energien.

Beim Kaffee in der provisorischen Küche – die eigentliche Küche im Erdgeschoss wird gerade grundsaniert – blitzt schnell durch, mit welcher Leidenschaft Eike Ehlers Landwirt ist. „Endlich kann ich mein Rapsfeld mal aus dem Küchenfenster sehen“, sagt er mit einem Blick nach draußen.

Vor 21 Jahren war er als junger Mann ins kalte Wasser geworfen worden. Nach dem Tod seines Vaters musste er mitten in der Ausbildung voll in den Hofbetrieb einsteigen. „Da bin ich fast schon über Nacht vom Jugendlichen zum Erwachsenen geworden. Das Unbeschwerte war jedenfalls schnell weg.“ Als Hofnachfolger hatte er aber ohnehin schon festgestanden. Die Schwester ist Krankenschwester, ein Bruder Hotelfachmann in Hamburg.

„Damals hatten wir 40 Kühe und ich eine Vision: 60 Mutterkühe und 1000 Mastplätze.“ Die Wirklichkeit hat ihn inzwischen schon selbst überholt. Nur aufgeräumt habe er ein bisschen. „Die Schafe kamen weg, die Sauen auch.“ Dabei will der Landwirt auf keinen Fall „Wachstum auf Krampf“. „Wir machen hier alles mit Augenmaß und so, dass am Ende noch etwas Geld übrig bleibt. Schließlich muss ich aus der Arbeit ja noch rausgucken können.“

Grenzenloses Wachstum wäre für den Grevenkoper ohnehin eine Schreckensvorstellung. „Ich möchte nicht irgendwann noch der einzige sein, der im Dorf Gülle fährt oder Schweine mästet.“ Er fügt noch hinzu: „Man muss nicht so extrem nach vorne preschen.“ Überhaupt hat Familie Ehlers den Betriebsablauf so organisiert, dass auch noch ein Familienleben möglich ist. Aufgestanden wird erst um 6 Uhr. Man müsse eben nicht auch noch den letzten Tropfen Milch aus jeder Kuh herausholen, in dem man die Melkzeiten optimiert. „Das hat auch etwas mit Lebensqualität zu tun.“ Gesetzt ist auch der jährliche Familienurlaub. Mindestens sieben Tage im Jahr geht es gemeinsam auf Tour. Im Sommer steht zudem ein Abstecher nach New York auf der Wunschliste.

Dass Eike Ehlers seinen Hof mit Augenmaß weiter entwickelt, hat aber wohl auch etwas mit seiner Familientradition zu tun. „Bei meinem Opa in der Stube hängt ein Spruch: Was du ererbst von deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen.“ Um das geflügelte Wort aus Goethes Faust zu vollenden: „ Was man nicht nützt, ist eine schwere Last, nur was der Augenblick erschafft, das kann er nützen.“ Für Eike Ehlers ist das Lebensdevise: „Ich habe den Hof für eine Generation geerbt und soll ihn auch an die nächste weitergeben.“

Das Ehepaar Ehlers fühlt sich dabei übrigens nicht nur der Familientradition, sondern auch der Gesellschaft und damit seiner Gemeinde verpflichtet. Svenja engagiert sich in der Gemeindevertretung, Eike ist Chef der Freiwilligen Feuerwehr von Grevenkop. Auch dieser Einsatz wirft ein Schlaglicht auf den Wandel in unserer Gesellschaft. Immer weniger Landwirte in den Dörfern ist oft gleichbedeutend mit immer weniger Engagement in den Heimatorten. Wer täglich zur Arbeit nach Hamburg pendeln muss, hat kaum noch Zeit und Gelegenheit, sich für sein Umfeld stark zu machen. Von einst 26 Höfen nur in Grevenkop sind gerade einmal zehn aktive Landwirte übriggeblieben.

Ganz losgelöst vom Geschehen um Grevenkop herum ist natürlich auch Familie Ehlers längst nicht mehr. Der Landwirt weiß: „Wir bewegen uns in einem weltweiten Wettbewerb. Und wenn die in den USA Fleisch billiger anbieten, dann kaufen die großen Konzerne eben da ein.“ Umso mehr ärgert es ihn, wenn öffentliche Diskussionen immer wieder an den Landwirten vor Ort festgemacht werden. Klimawandel, Gewässerschutz, Düngeverordnung, Tierschutz: Wir Landwirte stehen immer im Fokus, fast wie auf einem Präsentierteller.“ Zu Eike Ehlers Leidwesen sorgt auch der Gesetzgeber immer wieder für Schieflagen, die kaum ein Verbraucher mit bekomme. Beispiel Dünger: „Da heißt es dann ganz allgemein: Das ist schädlich. Dann macht Schleswig-Holstein eine neue Verordnung – und alle anderen machen weiter wie bisher.“ Sein Rezept dagegen: Möglichst viel Offenheit und Transparenz. Auch deshalb gewährt die Familie Ehlers einen Einblick in ihren Familienbetrieb.

„Wir sind ein Wirtschaftsbetrieb und kein Streichelzoo“, macht der Bauer noch einmal deutlich. Und dennoch liegt ihm auch jetzt noch jedes einzelne seiner Tiere am Herzen. „Jetzt mussten wir ein Kalb einschläfern lassen. Da war eine Scheißstimmung auf dem Hof.“ Auch Ehefrau Svenja weiß: „Wenn ein Tier stirbt, geht es ihm ganz schlecht.“ Sie ist inzwischen mit dem abendlichen Melken fertig. „Jetzt gibt es nur noch ein paar Restarbeiten unbestimmten Ausmaßes“, weiß sie, dass die Arbeit auf so einem Hof nie endet. Ehemann Eike stößt derweil mit seinen beiden Angestellten mit einem Bier auf den Feierabend an. Das heißt: Noch nicht ganz. Den letzten Kontrollgang absolviert er gegen 21.30 Uhr.

Um diese Zeit liegt Sohn Arthur sicher längst im Bett. Er war nach einem langen Nachmittag reif für die Badewanne, wie jeden Tag. „Wir hatten immer eine Wanne im Haus. Mit den Kindern haben wir sie jetzt reaktiviert“, berichtet Eike Ehlers. Junior Arthur musste an diesem Abend sicher erst einmal ein bisschen einweichen. Bei vier Kindern müssen sich die Ehlers wohl keine Sorgen um einen Hofnachfolger machen. Wer in die Fußstapfen der bis ins Jahr 1781 zurückreichenden landwirtschaftlichen Familientradition treten wird, ist allerdings noch offen.

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