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Landwirtschaft : „Wir wollen einfach nur überleben“

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Milchbauern fordern in Wilster von Interessenvertretern endlich Lösungen: Bauernverband setzt auf den Markt / Milchviehhalter-Bund auf Krisenmanagement

shz.de von
erstellt am 23.Okt.2015 | 12:00 Uhr

Der Brokdorfer Landwirt Jörg Schmidt sprach seinen im dichtbesetzten Colosseum versammelten Berufskollegen aus der Seele: „Setzt euch jetzt zusammen und arbeitet etwas aus, was uns einen vernünftigen Milchpreis bringt.“ Milchbauern aus dem ganzen Norden waren nach Wilster gekommen, wo Bauernverbands-Vizepräsident Peter Lüschow und Hans Foldenauer vom Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM) ihre jeweiligen Konzepte und Vorstellungen im Kampf gegen das Existenzen bedrohende Tiefpreisniveau bei der Milch vorstellten. Während die Basis in gut zwei Stunden Diskussion immer enger zusammenrückte, blieben die Vorstellungen ihrer Funktionäre weit auseinander.

Die Ausgangslage machte zum Auftakt Heiko Strüven deutlich: „Seit zwölf Monaten liegt das Milchgeld unter 30 Cent. Das ist schon ein Hammer.“ Der Landwirt weiß, dass in vielen Familienbetrieben die Lage immer bedrohlicher wird. Er forderte vor allem eine nachhaltige Lösung: „Wir wollen uns nicht alle drei Jahre aufs Neue fragen müssen: Was soll der Schiet?“ Bezirksbauernvorsitzender Nico Hellerich äußerte sein Unverständnis darüber, dass die beiden für die Milchbauern zuständigen Verbände sich ihre jeweiligen Konzepte gegenseitig schlechtreden, statt gemeinsam nach Auswegen zu suchen. „Wir wollen doch nur unsere Betriebe erhalten und unsere Familien ernähren.“ Fast ein bisschen resignierend fügte der Landwirt hinzu: „Wir wollen einfach nur überleben.“

Einig waren sich am Ende Redner und Zuhörer nur in einem Punkt: Eine Rückkehr zur im Frühjahr eingestampften Quotenregelung will keiner. Seitdem setzt der Bauernverband auf die Selbstheilungskraft des Marktes. „Wir haben die Talsohle erreicht“, versuchte Peter Lüschow vorsichtigen Optimismus zu verbreiten. Wann es mit den Auszahlungen wieder bergauf geht, wusste aber auch er nicht. „Ich weiß, dass die Situation auf vielen Höfen katastrophal ist. Viele halten das nicht mehr lange durch.“ Vor allem dort, wo überwiegend nur Grünland bewirtschaftet werden kann, gebe es für die Betriebe auch keine Alternative. Lüschow und sein Verband setzen auf vorzeitige Auszahlung von Agrargeldern (Flächenprämien), zinsgünstige Kredite und Steuerstundung beim Finanzamt, um wenigstens wieder Liquidität auf die Höfe zu bekommen. Daneben machte er sich für die Erschließung neuer Absatzmärkte stark.

„Was ist denn das für ein Konzept?“ tönte es aus den Reihen der Zuhörer, die das Vertrauen in einen funktionierenden Markt offenkundig verloren haben. Peter Lüschow listete weitere Bemühungen des Bauernverbandes auf. So habe man die Banken und Sparkassen gebeten, die Landwirte jetzt nicht hängen zu lassen. Hier sei es sinnvoll, wenn man frühzeitig miteinander spreche. Wenn alles nicht mehr helfe, sei die Aufgabe des Betriebes noch der beste Weg. „Dann schützt man wenigstens sein Eigentum.“

Dem Credo des Bauernverbandes, der Markt werde schon alles zum Guten regeln, setzte Hans Foldenauer ein vom BDM ausgetüfteltes Krisenmanagement entgegen. Im Kern geht es zunächst um die Einführung eines Frühwarnsystems, mit dessen Hilfe die Produktion rechtzeitig gedrosselt werden könne. Wer als Landwirt trotzdem länger melken will, würde das dann auf eigene Verantwortung und auf eigenes Risiko tun. Wenn es ganz schlimm kommt, könnten vorbildlich produzierende Landwirte aus einem Topf mit Erzeugerabgaben belohnt werden. Ist der Markt dann wieder aufgepäppelt, könnten die Bauern ihren Milchkühen wieder freien Lauf lassen. Das alles könne auf der Grundlage vieler schon vorhandener Instrumente und dann natürlich europaweit organisiert werden. Ob das BDM-Modell am Ende funktioniert, wusste natürlich auch der Allgäuer nicht. „Nichts tun geht aber auch nicht“, unterstrich er den dringenden Handlungsbedarf.

„Ein Regelwerk mit vielen Ungereimtheiten, das nur eine Flut von Prozessen nach sich zieht“, urteilte Peter Lüschow dennoch. Angesichts unklarer Auswirkungen wolle und könne er „die Verantwortung für einen Feldversuch mit ungewissem Ausgang nicht übernehmen“. „Auch wir wollen keinen Blindflug. Man muss da natürlich nachjustieren“, hielt Foldenauer spontan dagegen.

Für Lüschow und den Bauernverband blieb es aber dabei: „Unser Konzept ist der Markt, und der wird das regeln.“ Eine Antwort auf die Frage, wie lange die Bauern die Krise noch durchhalten können und wie viele am Ende noch da sein werden, wusste Lüschow aber auch nicht: „Das weiß keiner. Ich hoffe, dass viele durchhalten.“

„Da kann einem schon ein bisschen Angst werden“, mochte sich am Ende Jörg Schmidt gar nicht vorstellen, wie in acht Wochen das Weihnachtsfest auf den Höfen, in den Familien bei den Hofnachbarn und bei den Altenteilern ausfallen wird. Eine Bäuerin aus Nordfriesland sieht nur einen gangbaren Weg: „Wir müssen endlich wieder zu einer Einheit werden und mit einer Stimme sprechen.“ Ein junger Landwirt verhehlte aber auch nicht, dass „auf freiwilliger Basis gar nichts funktioniert.“

Ein abschließender Vorschlag von Hans Foldenauer verhallte ungehört: „Ich bleibe eine Woche in Schleswig-Holstein, mache jeden Tag drei solcher Veranstaltungen und dann lassen wir abstimmen.“ Nach dem Applaus zu urteilen, hätte das BDM-Modell die erste Abstimmung in Wilster wohl gewonnen. Noch setzen die Milchbauern aber auf weitere Gespräche. Eine im Vorfeld erwogene Protestfahrt mit Treckern zum nächsten Einkaufszentrum war zugunsten der jetzigen Diskussionsrunde noch einmal verworfen worden.

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