Prinovis-Mitarbeiter : "Wir wollen der Arbeitslosigkeit ein Gesicht geben"

Einer von mehr als 1000: Branko Kamenarovic vom Post- und Kurierservice verliert mit der Prinovis-Schließung nach 37 Jahren seinen Job. Foto: Götz
Einer von mehr als 1000: Branko Kamenarovic vom Post- und Kurierservice verliert mit der Prinovis-Schließung nach 37 Jahren seinen Job. Foto: Götz

Mit der Schließung der Druckerei Prinovis in Itzehoe verlieren 2014 über 1000 Menschen ihren Job. Die Schicksale werden in einem Fotobuch dokumentiert.

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08. April 2013, 09:33 Uhr

Itzehoe | Die Zahl ist seit Wochen allgegenwärtig: Mehr als 1000 Mitarbeiter werden mit der geplanten Schließung der Druckerei Prinovis im August 2014 ihre Arbeit verlieren. Eine gewaltige Zahl, insbesondere in einer strukturschwachen Region. Doch zunächst eben auch nur das: eine Zahl. Die Menschen, die Schicksale, die dahinter stehen, sind nur schwer greifbar. Das soll sich jetzt ändern. Ein Schichtführer aus der Rotation hatte die Idee: In einem Fotobuch sollen die Betroffenen sichtbar gemacht werden. Jeder wird mit einem Zettel oder Schild in der Hand fotografiert, auf dem persönliche Daten notiert sind, zum Beispiel das Alter und die Zahl der Kinder oder die Betriebsjahre.

"Wir wollen die Zahl greifbar machen, der Arbeitslosigkeit ein Gesicht geben", erklärt Danny Paulsen vom Betriebsrat. "Wir sind überzeugt, dass der persönliche Bezug höher ist, wenn man ein Buch mit 600 oder sogar 1000 Gesichtern durchblättert, als wenn es nur eine Zahl auf dem Papier ist."

"Das machen die Kollegen in Eigenregie"

Deshalb soll das Fotobuch auch an alle wichtigen Entscheidungsträger geschickt werden, um sie "bei ihrer sozialen Verantwortung zu packen" - angefangen natürlich in der Chef-Etage des Bertelsmann- und des Springer-Konzerns bis in die Politik. "Das Buch muss zum Beispiel auch zu Ministerpräsident Torsten Albig und Wirtschaftsminister Reinhard Meyer", betont Stefan Lützen, Gesamt- und Konzernbetriebsratsvorsitzender bei Prinovis. "Alle hochrangingen Leute dürfen das gerne mal durchblättern."

Mit Handzetteln und über Facebook wurden die Kollegen zum Mitmachen aufgerufen - und schon innerhalb der ersten 24 Stunden kamen die ersten 100 Fotos zusammen. Und das ganz ohne übergeordnete treibende Kraft, sondern allein aus der Belegschaft heraus. "Das machen die Kollegen in Eigenregie", betont Stefan Lützen.

"Wir hoffen, dass diesen Worten Taten folgen"

Die Betriebsratsmitglieder bereiten sich indes auf den Start der Sozialplan-Verhandlungen am 15. April vor. Sie gehen mit gemischten Gefühlen in die Gespräche. "Wir haben hohe Erwartungen an die Geschäftsleitung, dass sie zu ihrer sozialen Verantwortung stehen", betont Sven Guericke. Bertelsmann-Vorstandsvorsitzender Thomas Rabe habe in Berlin zwei Mal angekündigt, dass der Konzern zu seiner sozialen Verantwortung stehen werde. Und auch Konzern-Personalchef Immanuel Hermreck habe zugesichert, dass alles fair und sauber abgewickelt werde. "Wir hoffen, dass diesen Worten Taten folgen und es nicht nur heiße Luft war", betont Danny Paulsen. Es gehe dabei nicht nur um Abfindungen, "sondern wir wollen am Standort wieder Arbeitsplätze haben. Das ist Teil der Verantwortung."

Die Skepsis ist allerdings groß. Die Sozialplan-Verhandlungen bei der "Financial Times Deutschland" hätten gezeigt, wie wenig man auf Versprechungen geben könne, betont Stefan Lützen. "Vor den Verhandlungen waren für den Sozialplan 40 Millionen Euro zugesichert. In den Verhandlungen dann lautete das tatsächliche Angebot acht Millionen und man musste sich vor Gericht treffen." Auch dort habe Bertelsmann dahinter gestanden. Deshalb bestehe eine "begründete Skepsis, ob es hier sauber laufen wird".

Doch trotz aller Sorgen wird in der Itzehoer Druckerei auf hohem qualitativen Niveau weitergearbeitet. Das zeigte sich auch, als das Magazin "Stern", das in Itzehoe gedruckt wird, ein neues Erscheinungsbild erhielt und die Auflage zum Start um 60 Prozent erhöht wurde. "Das ging pünktlich und in Top-Qualität raus", betont Lützen. Das wusste auch Stern-Chefredakteur Dominik Wichmann zu schätzen. In einer Mail bedankt er sich bei den Itzehoern für ihren Einsatz: "Wir wissen sehr wohl, dass die Zeiten für die Kollegen in Itzehoe schwer sind. Sehr schwer. Gerade deshalb möchten wir Ihnen für Ihr Verantwortungsbewusstsein danken. In der heutigen Redaktionskonferenz gab es dafür Applaus."

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