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Interview : „Wir sind zu erwachsen geworden“

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Vor 25 Jahren wurde die UN-Kinderrechtskonvention angenommen. Doch Reinhard Bischof vom Itzehoer Kinderschutzbund sieht weiterhin viel Handlungsbedarf − auch vor Ort.

Itzehoe | Alle Länder haben sie ratifiziert, bis auf Somalia, Südsudan und die USA: die Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen. Heute vor 25 Jahren wurde sie beschlossen und garantiert jedem Kind das Recht auf Leben, Bildung und Schutz vor Gewalt, aber auch das Recht, gehört zu werden. Bei der Umsetzung gibt es weltweit noch viel zu tun. Zur Lage vor Ort äußert sich Reinhard Bischof, Vorsitzender des Itzehoer Kinderschutzbundes.

Herr Bischof, ist das Jubiläum für den Ortsverein ein besonderer Anlass?
Bischof: Es ist sicherlich ein Festtag für den Kinderschutzbund. Aber die bloßen Artikel und Paragrafen nutzen gar nichts, wenn sich im Kopf der Leute nichts ändert. In Deutschland werden Kinder noch zu sehr als Wirtschaftsfaktoren, als zukünftige Rentenbeitragszahler betrachtet und nicht als Menschen in einer besonderen Entwicklungsphase. Diese brauchen unseren besonderen Schutz.

Die Unicef nennt als ein Grundprinzip der Konvention das Recht auf Gleichbehandlung. Funktioniert das hier?
Es ist schon viel passiert, auch aufgrund der UN-Kinderrechtskonvention, auch hier in Itzehoe. Zur Gleichbehandlung gehört auch die Partizipation, dass Kinder in Entscheidungen mit einbezogen werden. Wir hatten hier in Itzehoe das erste Kinder- und Jugendparlament. Das war vor etwa 15 Jahren unter meiner Initiative, mittlerweile ist es eine feste Einrichtung.

Und wo gibt es bei der Gleichbehandlung noch Handlungsbedarf?
Da gibt es immer noch etwas zu tun. Wir müssen die richtige Form der Beteiligung finden, und das ist schwierig. Die letzte Umfrage bei Kindern, die Shell-Studie, hat ergeben, dass Kinder durchaus Interesse haben, sich zu beteiligen, auch an politischen Entscheidungen. Aber sie wollen sich nicht binden lassen, sondern bei Punkten, die sie besonders interessieren, beteiligt werden. Dann beteiligen sie sich auch gern.

Weiter mit den Grundprinzipien laut Unicef: Das Kindeswohl hat Vorrang bei Entscheidungen.

Das ist ein wichtiger Punkt. Es hat in der Gemeindeordnung eine Änderung gegeben, die das Wohl der Kinder als Entscheidungskriterium sieht. Wir wissen ja auch, dass alle Entscheidungen, die heute getroffen werden, morgen von den Kindern teilweise auszubaden sind. Wenn wir es langfristig sehen, betrifft jede Entscheidung das Kindeswohl. Selbst bei der Planung einer Straße muss das Kindeswohl beachtet werden, weil Kinder sie nutzen und eine ganz andere Sichtweise als wir Erwachsene haben. Das funktioniert noch nicht hundertprozentig, weil wir Erwachsenen uns zu wenig in die Welt der Kinder hineinversetzen können. Wir sind einfach zu erwachsen geworden.

Wie könnte das gehen – Beteiligungswerkstätten wie beim Haus der Jugend?

Das wäre ein Beispiel, auch wenn das Haus der Jugend gerade das schlechteste Beispiel ist. Denn die Jugendlichen, die seit mehreren Jahren in der Planung beteiligt sind, werden das Haus der Jugend gar nicht mehr nutzen können, weil sie dann zu alt geworden sind. Wir müssen aber mehr tun für die Kinder im mittleren Alter. Bis zehn Jahre gibt es ein ausreichendes Angebot. Aber die Gruppe der bis 18-Jährigen haben wir praktisch vergessen. Jetzt fahren die 15- oder 16-Jährigen zu kommerziellen Veranstaltungen nach Wilster oder Schenefeld, obwohl sie das eigentlich gar nicht dürfen. Das ist eine echte Grauzone.

Die Konvention verpflichtet auch dazu, „in größtmöglichem Umfang“ die Entwicklung der Kinder zu sichern.
Das ist das große Problem der Kinderarmut. Jedes sechste Kind lebt von der Grundsicherung, von Hartz IV. Gerade Kinderarmut hat Auswirkungen auf vielerlei Bereiche: mangelnde Bildung und mangelnde Gesundheit. Wenn wir bei diesem Thema ernst machen, müssen wir mehr Geld reinstecken und schlagen nachher mehrere Fliegen mit einer Klappe.

Was lässt sich davon auf lokaler Ebene umsetzen?
Da ist ein gesamtpolitisches Problem. Schwerpunkte können wir setzen, indem wir den Zugang der Kinder zum Beispiel im Bildungsbereich durch niedrigschwellige Angebote und finanzielle Unterstützung wie das Bildungspaket erleichtern. Auch Zugang zu Kultur ist ein wichtiges Stichwort.

Darauf kann der Kinderschutzbund hinweisen – wo kann er konkret etwas tun abgesehen vom Kinderhaus?
Ein wichtiges Gebiet, gerade mit Blick auf die Kinderrechtskonvention, sind die „Frühen Hilfen“, die wir anbieten. So wird Eltern rechtzeitig Hilfe geboten, die Schwierigkeiten haben im Umgang mit ihren Kindern. Ich sehe es auch als Richter, dass insbesondere junge Eltern sehr gute Vorsätze haben, dann aber nicht weiterkommen, weil sie nicht wissen, wie es angegangen wird, weil sie es selbst nie erfahren haben. Dann fallen sie in alte Muster zurück: Ihre Mutter hat sie geschlagen, dann schlagen sie ihre Kinder, obwohl sie es nie wollten.

Sie baden also als Jugendrichter aus, was vorher im Bereich Kinderrechte nicht funktioniert hat?

Das kann man wohl so sagen. Mir ist aufgefallen, dass immer mehr Fälle bei mir vor Gericht verhandelt werden, die früher undenkbar gewesen wären: Schlägereien oder Beleidigungen in der Schule. Das war früher ein Tadel oder ein Verweis, heute kommt eine Anzeige. Das ist schon fast inflationär. Auch das gehört zum Thema Bildung – als Gericht sind wir nicht der Reparaturbetrieb der Gesellschaft. Wir haben das Kind dann, wenn es schon in den Brunnen gefallen und es manchmal fast zu spät ist.

Zurück zum Kinderschutzbund: Was sehen Sie als das Hauptarbeitsfeld?
Wir müssen die Einstellung zu Kindern ändern. Weg vom Wirtschaftsfaktor Kind, hin zu den Menschen in einer besonderen Entwicklungssituation. Wir müssen weniger bedenken, was Kinder uns kosten, sondern mehr, was sie uns bringen. Ich halte es da mit einem abgewandelten Loriot-Satz: Ein Leben ohne Kinder ist möglich, aber sinnlos. Wofür bauen wir denn etwas auf? Wir wollen etwas von uns den Kindern weitergeben. Und wenn die Kinder nicht da sind, ist die Welt irgendwann einmal zu Ende.

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erstellt am 20.Nov.2014 | 17:00 Uhr

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