Wacken Open Air : „Wir sind noch immer die Jungs vom Dorf“

Einen Masterplan haben sie nicht, sondern verlassen sich eher auf ihr Bauchgefühl: Wacken-Macher Holger Hübner (links) und Thomas Jensen.
Einen Masterplan haben sie nicht, sondern verlassen sich eher auf ihr Bauchgefühl: Wacken-Macher Holger Hübner (links) und Thomas Jensen.

Holger Hübner und Thomas Jensen erzählen im Interview wie ein „Dorffest“ in Wacken zum weltgrößten Metal-Festival wurde und warum sie auch ohne große Headliner ein tolles Festival machen.

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27. Juli 2014, 15:23 Uhr

Zum 25. Mal findet vom 31. Juli bis zum 2. August das Wacken Open Air statt. Erwartet werden 75 000 Besucher und 130 Bands aus aller Welt. Veranstalter Holger Hübner und Thomas Jensen blicken im Interview auf die Anfänge des Festivals zurück und erzählen von ihren Erfolgen, Fehlern und Visionen.

Ist das Dorf Wacken eigentlich noch Ihre Heimat?
Hübner: Ja klar, mehr denn je. Wir sind ja seit Januar auch mit unserer Firma komplett hier angekommen.
Jensen: Auf jeden Fall. Und zum Jubiläum wird mir das noch mal viel bewusster. Das ist wie eine Zäsur.

Was schätzen Sie denn an diesem 1800-Seelen-Ort?
Hübner: Erstmal, dass wir uns alle kennen. Wir können uns alle gegenseitig einschätzen und wissen, wie wir sind. Die Gemeinde vertraut uns, und wir vertrauen der Gemeinde. So können wir jedes Jahr ein gutes Festival machen, und das ist das Wichtigste.
Jensen: Die Leute akzeptieren uns, weil wir hier aufgewachsen sind. Sie lassen uns unser Ding machen. Das gibt es natürlich nicht überall. Mancherorts gibt es viel mehr Widerstände bei solchen Veranstaltungen.

War das schwierig, die Dorfbewohner auf Ihre Seite zu bringen?
Hübner: Am Anfang mussten wir niemanden auf unsere Seite bringen, weil es erstmal niemanden interessiert hat, was wir machen. Wir wollen die Gemeinde so wenig wie möglich belasten. Wir beginnen den Aufbau nicht zu frühzeitig und halten uns mit Lärm zurück.
Jensen: Wir konnten mit den Wackenern immer an einem Tisch sitzen. Das liegt sicherlich auch daran, dass unsere Eltern hier aus der Gegend kommen.

Die Idee zum Festival entstand in Ihrer Clique, die örtliche Bank hat Sie im Laufe der Jahre mit Krediten unterstützt, die Bauern haben ihre Wiesen zur Verfügung gestellt. Inwiefern würden Sie sagen, dass auch die Dorfgemeinschaft der Macher des Festivals ist?
Hübner: Das würde ich nicht so sehen. Es gibt es sicherlich ein paar Synergien, die sich über Jahre entwickelt haben. Aber wir haben immer unseren Weg alleine finden müssen, was ja auch normal ist.
Jensen: Es gab immer eine Kommunikation mit der Gemeinde. Wenn es mal Kritik gegeben hat, haben wir miteinander gesprochen. Das war zum Beispiel so, als wir 1996 erstmals einen großen Stau im Dorf hatten. Da waren die Wackener nicht begeistert. Aber sie haben uns die Chance gegeben, die Situation zu verbessern.
Hübner: Wir suchen immer den Dialog und versuchen, die Dinge im kleinen Kreis zu regeln, bevor wir große Wellen schlagen. Wir sind ja die Jungs vom Dorf, und die wollen wir auch bleiben, auch wenn wir ein bisschen älter geworden sind.

Als 1990 das Festival entstanden ist, da waren Sie vielleicht mehr „Jungs vom Dorf“ denn je. Sie haben selber mal gesagt, dass das Open Air eigentlich eine „Schnapsidee“ war und dass Sie „blauäugig“ an die Sache rangegangen sind. War das tatsächlich so?
Jensen: Ja, wir waren total naiv. Wir hatten nicht wirklich viel Erfahrung. Ich habe Musik gemacht, Holger hat Platten aufgelegt. Aber das waren Partys für unsere Kumpel. Wir waren auch mal mit Bands unterwegs und haben auf Tourneen gearbeitet. Holger ist viel auf Festivals unterwegs gewesen. Aber eine professionelle Lehre oder ein Studium haben wir nie gemacht. So etwas gab es ja auch damals nicht.

Es war dann also mehr ein Learning by Doing?
Beide nicken. Jensen: Man darf ja auch nicht vergessen: 800 Leute auf dem ersten Festival – das war nicht schlecht, aber das ist noch nicht mal ein grandioses Dorffest. Wir haben schon einige gute Elemente drin gehabt, aber es lief ein bisschen so nach dem Motto „Denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Wir machen ja auch nach wie vor viel aus dem Bauch raus. Wir haben hier nicht den Masterplan an der Wand hängen.

In den ersten Jahren lief es ja auch finanziell noch nicht besonders gut. Bis 1996 hatten Sie einen Berg Schulden angehäuft. Haben Sie die Probleme überhaupt noch ruhig schlafen lassen?
Jensen: Nein, ab und an waren wir natürlich nervös. Einige Kumpel sind ja dann auch leider ausgestiegen. Wir mussten Unternehmergeist beweisen. Wir mussten einfach an die Sache glauben. Das war sicherlich nicht immer leicht. Holger hat 1993 einen schweren Autounfall gehabt. Das waren schon schwere Momente.
Hübner: 1993 ist natürlich ganz übel gewesen, weil es da auch noch einige andere Schicksalsschläge gab. Aber wir haben immer weiter gemacht und weiter gelernt.
Jensen: Wir haben keinen Finanzplan gehabt. Wir haben versucht, das vergangene Festival mit den Einnahmen des kommenden Festivals zu bezahlen.

Damals kam der Strom per Verlängerungskabel von der örtlichen Raiffeisen-Bank, Thomas Jensen hat Bier gezapft und Holger Hübner in den Pausen Musik aufgelegt. Wie viel von diesem ursprünglichen Festival steckt eigentlich noch im heutigen Wacken Open Air?
Hübner: Das Festival findet weiter an dem Ort statt, wo es vor 25 Jahren gestartet ist. Wenn ich heute auf dem Acker stehe, dann erinnere ich mich sofort daran, wie es damals gelaufen ist. Unser Produktionsbereich ist weiter in der Kuhle, wo alles angefangen hat. So sind wir während des Festivals jeden Tag mit den Anfängen konfrontiert.
Jensen: Wir haben natürlich lernen müssen, dass wir nicht mehr alles selber machen können. Ich kann nicht mehr schnell hinter den Tresen springen und ein Bier zapfen. Denn da bringe ich nur alles durcheinander.

Können Sie sich heute während des Festivals noch Zeit für die gewöhnlichen Besucher des Wacken Open Airs nehmen?

Jensen: Heute können wir das wieder. Ende der 90er, Anfang der 2000er war das viel schwieriger, weil wir viel mehr eingebunden waren und organisieren mussten. Heute bin ich regelmäßig beim Metal Battle im Bullhead City unterwegs. Ich werde angesprochen und kriege direktes Feedback. Dafür nehme ich mir gerne die Zeit. Holger ist mehr hinter den Kulissen.
Hübner: Ich bin mit den Fans eher per E-Mail in Kontakt. Während des Festivals halte ich mich mehr im Hintergrund. Ich leite jeden Morgen im Büro die Einsatzbesprechung. Da bekomme ich auch sehr viel Feedback.

Wie würden Sie eigentlich Ihren Beruf beschreiben? Als Manager?
Jensen: Ich sehe uns mehr als Unternehmer.
Hübner: Wir sind Macher und Visionäre und haben natürlich unsere Mitarbeiter, die kreativ sind und unsere Ideen umsetzen.

Was hören Sie eigentlich selber gerne für Musik?

Hübner: Bei Metal-Bands höre ich gerne melodische Sachen wie Iron Maiden, Accept oder Priest. So heftige Sachen wie Black Metal mag ich nicht so gerne.
Jensen: Vom musikalischen Geschmack her sind wir uns sehr ähnlich. Ich höre auch gerne Rock ’n’ Roll-Sachen wie AC/DC, Rose Tattoo oder Motörhead. Das neue Album von Priest hat mir beim ersten Hören sehr gut gefallen.

Sind Sie heute auch noch auf anderen Festivals unterwegs, um dort Ideen und Anregungen zu holen?
Hübner: Ja, natürlich. Wir gucken vor allem auf das Thema Sicherheit und wie andere Festivals dort aufgestellt sind.
Jensen: Und bei uns in der Metal-Familie haben Festivals auch die Funktion des Branchentreffs.

Was sind Ihrer Meinung nach Festivals, die besonders gut gemacht sind?

Jensen: Das Graspop ist gut und das Hellfest ist sehr gut gemacht. Ich mag auch sehr gerne englische Festivals: Ich war auf dem Download, dem Sonisphere und im Hyde Park. Die Macher des Bloodstocks besuchen uns regelmäßig und wir unterstützen sie konzeptionell.
Hübner: Gut gefällt mir das Glastonbury, das ja eigentlich die Mutter aller Festivals ist. Da können wir uns schon einige Ideen abgucken von Pyro-Technik bis hin zu Bauten. Das ist schon cool. Solche Festivals, wo neuerdings alle hinpilgern und die hipp sind, wie zum Beispiel das Tomorrowland, gefallen mir nicht so gut. Da geht es nur um die Künstler und der Rest ist nichts Besonderes.

Da sind wir beim Mainstream angelangt, von dem sich Metal-Bands und –Fans immer abheben wollten. Mittlerweile kritisieren viele, dass Metal zu sehr zum Mainstream geworden ist. Wie würden Sie das bewerten?

Hübner: Als Nightwish in den Charts waren, da haben alle geschrien: „Das ist keine Metal-Band mehr!“ Und: „Scheiß Kommerz!“ Aber letztlich sollen sie doch froh sein, dass eine Metal-Band das mal geschafft hat.
Jensen: Für mich ist wichtig, dass Musik Emotionen hat und gut gemacht ist. Es kommt auch immer ein bisschen drauf an: Rammstein hat sicherlich einen ganz anderen Ansatz als Motörhead oder Saxon. Aber es wäre langweilig, wenn wir 80 Rammsteins in Wacken auf der Bühne hätten. Und es wäre auch langweilig, wenn wir 50 Motörheads hätten. Die Band muss einzigartig sein.

Muss es denn sein, dass Heino oder Jan Delay in Wacken auftreten?
Jensen: Heino haben wir abgehakt als künstlerische Freiheit von Rammstein. Das war eine Band-Entscheidung. Für einige war er eine Bereicherung und für andere eine Zumutung. Aber die drei Minuten, die Heino gesungen hat, die konnte jeder ertragen. Jan Delay hat sich angekündigt und wir haben uns nicht in den Weg gestellt. Was er gemacht hat, kam am Ende gut an. Das haben auch die Metaller gut geschluckt, weil er die Nummer sehr respektvoll angegangen ist.

Es gibt noch andere Entwicklungen außerhalb des Metal auf Wacken, zum Beispiel den Mittelalter-Kult, der im Wackinger Village immer mehr Raum bekommt.
Jensen: Ich bin mehr der Bass-Gitarre- und Schlagzeug-Typ. Aber es ist natürlich interessant und die Aufstellungen der Bands mit alten Melodien und alten Instrumenten finde ich schon faszinierend. Das hat hundertprozentig seine Berechtigung.
Hübner: Mittelalter und Metal passt super zusammen. Selbst Bands wie Hammerfall oder Saxon haben Elemente von Mittelalter in ihrer Musik.

Dieses Jahr steht die 25. Auflage des Festivals an. Warum gibt es nicht so richtig große Headliner zum Jubiläum?
Hübner: Ganz einfach, weil die nicht verfügbar sind.
Jensen: Unser Team hat zu zweihundert Prozent daran gearbeitet. Wir waren an einigen großen Namen dran. Aber wir sind hochzufrieden.
Hübner: Wir haben sicherlich ein starkes Mittelfeld, das besser ist als im letzten Jahr. Damals hat Rammstein auch viel geschluckt. Wenn einer vom letzten Jahr spricht, dann sprechen alle von Rammstein. Damit wird man den anderen Bands überhaupt nicht gerecht.

Die Show von Rammstein war ja auch einmalig…
Jensen: Rammstein war showtechnisch schon weltweit oberste Klasse. Wir haben es geschafft, diese Wahnsinns-Produktion in das Festival zu integrieren. Und darum geht es uns. Wir verbiegen nicht das Festival für den Act. Es gibt ja auch immer die Anfragen, ob AC/DC oder Metallica irgendwann kommen. Aber die sprengen unseren Rahmen. Wir möchten vor allem Newcomern eine Chance geben und gute Live-Bands bringen. Wir machen Programm. Es gibt nicht nur einen Headliner. Holger hat mal den Spruch gebracht: „Das Festival ist der Headliner und die Künstler spielen ihr Best-of-Programm.“

Aber AC/DC wäre schon noch ein Wunsch von Ihnen?
Hübner: AC/DC werden sicherlich irgendwann noch mal kommen. Aber sie müssen sich in das Festival einpassen. Und zu viel erwarten sollte man auch nicht: Die sind ja keine 40 mehr. Die sind alle Ü-60.

Gibt es denn noch weitere Bands, die auf Ihrer persönlichen Wunschliste stehen?

Jensen: Ja, viele. Im Hyde Park habe ich Black Sabbath gesehen. Die hätten wir zum Jubiläum natürlich gerne gehabt.
Hübner: Pantera-Reunion wäre schön. Mötley Crüe sind unser Favorit, obwohl sie vielleicht gar nicht so nach Deutschland passen, aber wir da haben wir Bock drauf. Da sind wir dann wie die kleinen Kinder.
Jensen: Eine große Metal-Band ist auch Manowar. Und ich hätte auch total Bock auf Bands wie Van Halen. Aber das ist eigentlich kein Wacken-Act.

Treffen wir uns in 25 Jahren hier wieder zum 50. Wacken Open Air?

Jensen: (lacht) Wir reden nicht mehr über 25 Jahre, wir reden über die Ewigkeit. Wacken forever.
Hübner: See you in Wacken, rain or shine.

Die Reportage zum 25. Jahrestag des Wacken Open Air

Unsere Reportage zum 25. Jubiläum des Wacken Open Air finden Sie hier.

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