Interview : „Wir sind die Kirche der Anderen“

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Propst Thomas Bergemann (53) über die Spendenbereitschaft der Steinburger und warum ein Pastor in Badehose problematisch sein kann.

Kay Müller von
19. Dezember 2014, 05:00 Uhr

Herr Bergemann, die neueste Umfrage des Deutschen Spendenrates besagt, dass die Deutschen so viel gespendet haben wie seit 2005 nicht mehr. Allerdings profitierten die Kirchen nur unterdurchschnittlich davon. Wie ist denn das Spendenverhalten in den Gemeinden in ihrem Kirchenkreis Rantzau-Münsterdorf?

Gut. Ich kann jedenfalls nicht sehen, dass die Menschen weniger spenden. Und gerade zu Weihnachten nimmt die Spendenbereitschaft traditionell zu. Da wird die klingelnde oft zur knisternden Kollekte, weil mehr Scheine drin sind.

Wie viel Gewinn erzielen Sie denn aus Spenden?
Jede Gemeinde verzeichnet die Spenden für sich allein, da haben wir keine Übersicht. Allerdings haben wir aus den Kollekten aus den Gottesdiensten im Jahr 2013 im Kirchenkreis über 119  000 Euro eingenommen. Und wenn wir in diesem Dezember genau so viel aus den Kollekten erzielen wie im vergangen Jahr, schätze ich, dass der Gesamtbetrag für 2014 auf rund 129  000 Euro steigt.

Die Einnahmen der Kirche sind gut, warum brauchen Sie noch Spenden?
Vieles wäre ohne Spenden nicht möglich. Und viele Projekte wären schlicht nicht umsetzbar, würden wir nicht unterstützt. So konnte das Dach der St.-Anschar-Kirche in Münsterdorf nur neu gedeckt werden, weil viele Unterstützer der Gemeinde eine insgesamt fünfstellige Summe zukommen ließen. Der dortige Förderverein hat großartige Arbeit geleistet – und es gibt noch mehr solcher Beispiele. Die Gemeinde St. Jakobi hat es sogar geschafft, die Stelle ihrer Jugendmitarbeiterin durch Spenden mitzufinanzieren. Spenden für Personalkosten sind sonst eher ungewöhnlich.

Für was geben die Menschen denn Geld?
Immer mehr für Einzelprojekte. Ich kann sogar verstehen, dass viele Menschen nicht mehr allgemein für die Kirche spenden wollen. Herausragende Ereignisse wirken stärker: Je höher die mediale Aufmerksamkeit desto höher die Spendenbereitschaft. Zugespitzt: Je größer die Katastrophe desto mehr Geld wird gesammelt.

Die Kirche als Institution, die Geld für alles sammelt ist also nicht mehr attraktiv?
Zumindest war sie das früher viel stärker. Aber gerade in den Städten hat das sehr abgenommen. Je näher ein Projekt an den Menschen ist desto höher ist die Bereitschaft, dafür Geld zu geben. Die Spender wollen sich anschauen, was mit ihrem Geld passiert, sei es etwa in Jugendprojekten oder bei der Unterstützung von Armen und Flüchtlingen. Da spenden viele Menschen – im Übrigen nicht immer nur Geld, sondern oft auch Zeit.

Die Zahl der Flüchtlinge steigt immer weiter an...
...und deswegen finde ich es toll, dass so viele Menschen helfen wollen. Denn wir als Kirche stehen da mit an erster Stelle. Wir verstehen uns auch als Kirche für die Anderen, die zu uns kommen. Deshalb haben wir als Kirchenkreis unsere Stelle des Fundraisers unbesetzt gelassen, um das Geld in die Flüchtlingshilfe zu stecken.

Brauchen Sie denn keinen Fundraiser?
Doch aber im Moment waren die Flüchtlinge wichtiger, als gezielt Spenden in anderen Sektoren einzuwerben. Allgemein brauchen wir Spendensammler in den Gemeinden, die professioneller werden und neue Konzepte umsetzen.

Der Klingelbeutel reicht also nicht mehr?
Den brauchen wir auch noch, denn unsere Kollekten zeigen, dass die Menschen auch dafür Geld geben wollen – obwohl die Gottesdienste nicht mehr so besucht sind wie früher. Dennoch bleiben allgemeine Spenden an die Kirche die Ausnahme.

Welche sind das?
Dass die Menschen auch ohne einen spezifischen Grund spenden, zeigt die Sammlung für Brot für die Welt, die jeweils am ersten Advent stattfindet. Das ist eine eingeführte Marke, da ist die Spendenbereitschaft ungebrochen.
Gibt es auch viele Großspenden?
Leider ist die Millionärsdichte im Kreis eher übersichtlich. Auch das führt im Übrigen dazu, dass es nicht leicht fällt, Großprojekte zu finanzieren – so war es etwa schwer, genug Geld für die Sanierung des Turms der St. Laurentii-Kirche in Itzehoe zu sammeln. Beim Michel ist das einfacher...

...das klingt, als seien Sie neidisch...
...auf keinen Fall. Wir profitieren von vielen Kleinspendern. Aber bei denen ist das Geld dann meist zum neuen Jahr hin ausgegeben.

Sie müssen sich also was einfallen lassen, um mehr Spenden zu bekommen?
Na klar. Da ist die Kreativität der Gemeinden gefragt, die auch über soziale Medien aktiv sein können, Leute ansprechen und gewinnen, die nicht in der Kirche engagiert sind, aber trotzdem dafür werben können. Und man sieht bei Aktionen wie der Ice-Bucket-Challenge, wie viel da möglich ist.

Sie haben also kein Problem damit, wenn ein Pastor sich Eis über den Kopf kippt?
Ich persönlich gar nicht. Aber man sollte auf Grenzen achten: Manche Gemeinde könnte es schon stören, wenn ein Pastor in Badehose vom Altar hüpft, um Aufmerksamkeit für Belange der Kirche zu finden – und um Spenden zu werben.

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