zur Navigation springen

Großfeuer in Hadenfeld : „Wir fangen ein neues Leben an“

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Vor etwas mehr als einer Woche vernichtete ein Großfeuer Haus und Hof der Familie Ibs / Blick geht optimistisch in die Zukunft

„Meine Briefe – die sind ja auch alle weg“, sagt Eva Ibs. Fast zwei Wochen ist es her, dass ihr Haus mit angrenzendem Stall in Flammen stand (wir berichteten). Nach und nach fallen der 40-Jährigen und ihrem Ehemann Dirk (47) Dinge ein, die dem Großbrand zum Opfer fielen. „Das waren Briefe, die Dirk und ich uns im Laufe unseres Lebens geschrieben haben“, sagt die Mutter von zwei Kindern traurig. Noch immer ist die Familie weit davon entfernt zur Normalität zurückzukehren.

„Unser Lebensrhythmus ist jetzt ein ganz anderer“, sagt Dirk Ibs und greift liebevoll nach der Hand seiner Ehefrau. „Alles was einmal war ist vorbei – nun fangen wir ein neues Leben an.“ Es ist ein Bild der Verwüstung, das sich dem Betrachter beim Anblick des mehr als 100 Jahre alten Hofes bietet. Vor der Haustür steht noch eine weiße Laterne, daneben eine alte Gartenbank und Überreste der einst liebevoll gestalteten Gartendekoration. Im landwirtschaftlichen Gebäude, in dem sonst auch die rund 25 Tiere untergebracht waren, sieht es nicht anders aus. Ein verbrannter Trecker und Mähdrescher, Mopeds und Maschinen sind kaum wieder zu erkennen. Alles ist schwarz und verkohlt. Das Hab und Gut der vierköpfigen Familie liegt in Schutt und Asche.

Sie steht vor dem Nichts und versucht nun irgendwie, wieder Ordnung in der zerrüttete Leben zu bekommen. „Ich bin in dem Haus groß geworden. Mein ganzen Leben liegt dort drin“, sagt der Familienvater, dem verständlicherweise noch immer anzumerken ist, dass das Feuer Spuren hinterlassen hat. Nicht nur an Kleidung und Möbeln, sondern insbesondere in der Seele der Familie. „Das Schlimme ist, dass einem erst Tage nach dem Brand bewusst wird, was man alles verloren hat“, sagt Dirk Ibs. Der Verlust des Mobiliars sei ja noch zu verschmerzen. Viel stärker ins Gewicht fallen die vielen Erinnerungen. „Das Leben und die Zeit“, beschreibt er seinen Schmerz. Das Leben der vergangenen Jahrzehnte sei komplett ausgelöscht. Und die Kinder? Der erst zwölf Jahre alte Mattes sei sehr stark gewesen, sagt Eva Ibs. Gemeinsam hätten sie geweint, sich gegenseitig getröstet und in der Zeit danach unendlich viele Gespräche geführt. Dass die Schulbücher verbannt sind, sagt Mattes, habe er nicht schlimm gefunden. „Aber meine Geldbörse mit Inhalt ist weg“, sagt der Zwölfjährige traurig. Und das Pfadfindermesser, das einst Opa Uwe für ihn und seinen Bruder geschmiedet habe. Sein fünf Jahre älterer Bruder Lukas dagegen trauert seinem alten Moped hinterher. „Das war ein Oldtimer – so eine Maschine bekomme ich nicht wieder.“

Auch Eva Ibs muss mit dem traurigen Verlust ihres Brautkleides und ihrem Ehering klarkommen. „Da ich während der Arbeit im Klinikum keinen Schmuck tragen darf, lag der Ring auf dem Nachtschrank“, sagt die Krankenschwester. Dass nichts wieder jemals so sein werde, wie es einmal war, versuchen die Eltern ihren Kindern immer wieder zu erklären. Doch schon am Tag nach dem verheerenden Brand begann die Familie so gut es geht zuversichtlich in ihr neues Leben zu starten. „Erst einmal mussten wir uns Schuhe von der Nachbarin leihen – Mattes und ich sind ja barfuß aus dem brennenden Haus gerannt“, sagt Eva Ibs. War der Familie doch nur das geblieben, was sie am Leibe trug. Unterwäsche, Socken, Schuhe und Hygieneartikel standen ganz oben auf der Einkaufsliste.

Umso dankbarer ist die Familie, dass sich zahlreiche Hadenfelder sofort mit ihnen solidarisierten und Hilfe anboten. Hilfe kam zudem aus vielen Bereiches des Amtsgebietes von Privatleuten, der Feuerwehr und Vereinen und sogar aus dem Kreis Rendsburg-Eckernförde. „Eine ältere Dame hatte von unserem Unglück erfahren und sofort ihre Hilfe angeboten“, zeigt sich Eva Ibs berührt. Insbesondere deswegen, weil auch die Dame nur wenige Tage zuvor einen schweren Schicksalsschlag hinnehmen musste und dennoch sofort reagiert habe und Mobiliar sowie Inventar zur Verfügung stellte. Besonders berührt gewesen sei auch der kleine Matthes, dessen Klassenkameraden sofort eine Aktion starteten und schließlich eine Spende in Höhe von 184 Euro überreichten. Ganz besonders viel Unterstützung aber erreichte die Familie von der eigenen Familie sowie ihren Arbeitgebern.

Auf die Frage, ob sie bei so viel Unterstützung Schamgefühl empfinden, sagt Dirk Ibs ganz ehrlich: „Wir sind uns nicht zu fein, um Hilfe anzunehmen, sondern unheimlich dankbar.“ Und das nicht nur für die vielen Spenden, sondern auch schon für eine Umarmung oder tröstende Worte. „Wenn man gar nichts mehr hat, ist es einfach schön, diese Hilfsbereitschaft zu erfahren – vielleicht kann man das nur nachvollziehen, wenn man es selbst einmal erlebt hat“, sagt die Ehefrau und Mutter. Inzwischen hat die vierköpfige Familie eine neue Bleibe im Dorf gefunden. „Uns wurden mehrere Angebote aus dem Dorf unterbreitet – entschieden haben wir uns für ein kleines Häuschen“, sagt Dirk Ibs, der nun gemeinsam mit Frau und Kindern versucht, ein wenig zur Ruhe zu kommen. „Dort sind wir unter uns, können uns gegenseitig Trost spenden oder einfach mal weinen, wenn uns danach ist“, sagt Eva Ibs, die sich bisher nicht vorstellen kann, wie das zukünftige Leben ihrer Familie aussehen wird. Fest stehe, dass die Landwirtschaft weiter gehen werde. „Allerdings wissen wir noch nicht, wohin mit unseren Mutterkühen und Färsen“, sagt Dirk Ibs, der jetzt schon mit den Planungen eines neuen Eigenheimes beginnt. „In den ersten Tagen funktioniert man nur – man wacht morgens auf und beginnt zu grübeln“, sagt der 47-Jährige und Ehefrau Eva fügt hinzu, dass die traurigen Momente immer dann zurückkehren, wenn sie gerade nichts zu tun habe.

Nun aber wollen sie positiv in die Zukunft schauen. „Unser Ziel ist es, im kommenden Jahr das Weihnachtsfest wieder in den eigenen vier Wänden verbringen zu können“, sagt der Familienvater.

Karte
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen