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Norddeutsche Rundschau

14. Dezember 2017 | 01:40 Uhr

AKW Brokdorf : Wiederanfahren nur unter Protest

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Atomkraftgegner halten Auflagen für Brokdorfer Meiler für unzureichend / Sonnabend wird demonstriert

shz.de von
erstellt am 28.Jul.2017 | 05:00 Uhr

So ganz sang- und klanglos wollen Atomkraftgegner das Kernkraftwerk Brokdorf nicht wieder ans Netz gehen lassen. Für Sonnabend um 12 Uhr haben sie vor dem Haupttor eine Kundgebung angemeldet. Hintergrund ist die Ankündigung von Umweltminister Robert Habeck, das Wiederanfahren des Meilers unter bestimmten Auflagen zur erlauben.

Die Anlage steht seit Februar still, nachdem bei der Revision an einigen Brennstäben Oxidationen festgestellt wurden, die über den Grenzwerten lagen. Künftig soll das Atomkraftwerk auf höchstens 95 Prozent der möglichen Leistung gedrosselt werden. Gleichzeitig darf Betreiber Preußen Elektra den Reaktor nicht mehr beliebig rauf- und runterfahren.

Für den Brokdorfer Karsten Hinrichsen und seinen Mitstreiter Eilhard Stelzner sind diese Vorgaben völlig unzureichend. Sie fordern eine Leistungsabsenkung von mindestens 20 Prozent. Auch dürften die beanstandeten Brennstäbe der Sorte M5 auf keinen Fall weiter verwendet werden. Das Duo ist überzeugt: „Die Ursachen für die dramatische Rostbildung werden durch die jetzigen Auflagen nicht behoben. Vielmehr wird lediglich an den Betriebsparametern herumgedoktert.“ Die Atomkraftgegner bezweifeln ohnehin, dass die verordnete Leistungsabsenkung den gewünschten Erfolg bringt. Schließlich habe es seit einer genehmigten Leistungserhöhung für die Brokdorfer Anlage im Jahre 2006 fünf Jahre lang keinerlei Rostprobleme gegeben.

Völlig unverständlich ist es für Hinrichsen und Stelzner, dass offenbar untaugliche Brennelemente jetzt erneut eingesetzt werden dürfen. Bereits vor mehr als 20 Jahren, so erinnert Hinrichsen, habe es an 32 Brennstäben schon einmal Oxidationen gegeben. „Damals wurden die betroffenen Brennelemente vernünftigerweise ausgemustert.“

Sein Urteil: „Das Vorgehen von Betreiber, Sachverständigen und Atomaufsicht ist fahrlässig.“ Im schlimmsten Fall, so befürchtet Hinrichsen, könne es bei einem Störfall sogar zu einer Kernschmelze kommen. Nebenbei erinnert er auch daran, dass Habeck noch im März eine Wiederinbetriebnahme erst nach genauer Erforschung der Ursache angekündigt habe. „Heute sagt er: Soweit wie möglich“, sieht Hinrichsen darin eine Kehrtwende der Genehmigungsbehörde.

Ausgesprochen kritisch sehen Hinrichsen und Stelzner auch die Informationspolitik zu dem Thema. Der Brokdorfer hatte beim Umweltministerium Unterlagen zu den Untersuchungen der vergangenen Wochen und Monate angefordert – und auch bekommen. Allerdings ist der 46-seitige Arbeitsbericht zur sicherheitstechnischen Bewertung in weiten Teilen geschwärzt. Preußen Elektra hatte das mit Betriebsgeheimnissen begründet. Für Stelzner heißt das aber auch: „Wir stochern alle im Dunkeln herum.“ Fakt sei aber, dass man die wirkliche Ursache für die Oxidation an einigen Brennstäben nicht gefunden habe. Ob die Auflagen tatsächlich greifen, so hatte vor gut einer Woche auch der Leiter der Kieler Atomaufsicht eingeräumt, werde man letztlich erst im April wissen. Dann nämlich steht die nächste Revision an und der Reaktordeckel kann wieder geöffnet werden. Allerdings, so hieß es auch aus der Landeshauptstadt, seien schon jetzt neue und engmaschigere Messverfahren erfolgt. Eilhard Stelzner findet das nicht wirklich beruhigend: „Irgendwie fühle ich mich dabei schon als Versuchskaninchen missbraucht.“ Die Akteure gehen davon aus, dass Brokdorf in den nächsten Tagen wieder hochgefahren wird. Nach ihrer Erfahrung dauere das Beladen des Reaktors zehn bis 14 Tage. Vor diesem Hintergrund melden sie ihre Demonstration auch als dringlich an. Hinrichsen und Stelzner äußern allerdings die Hoffnung, dass das Wiederanfahren nicht gerade am Sonnabend zur Mittagszeit erfolgt. „Wir haben alle Detektoren dabei“, kündigen sie vorsorglich an. Mit wie vielen Teilnehmern zu rechnen ist, sei allerdings offen. In den spontanen Aufruf seien alle Anti-AKW-Gruppen, aber auch Organisationen wie Attac und der BUND sowie die Parteien einbezogen. Wegen der Bedeutung des Themas, so Hinrichsen, wolle man diesmal auch vor dem Tor und nicht irgendwo abseits demonstrieren.

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