Energiepolitik : Wie viel Wärme verliert mein Haus? Klimaschutz-Managerin soll helfen

Kornmühlen starben, als der Strom erfunden wurde. In Dithmarschen entstehen noch mehr Windkraftanlagen.
Foto:
1 von 2
Kornmühlen starben, als der Strom erfunden wurde. In Dithmarschen entstehen noch mehr Windkraftanlagen.

Kreis will Klimaschutz-Konzept forcieren. Thermografie-Spaziergänge durch Städte und Dörfer .

shz.de von
18. Januar 2015, 16:43 Uhr

Anfang Februar nimmt beim Kreis Dithmarschen eine Klimaschutz-Managerin ihre Arbeit auf. Sie soll helfen, das bereits 2013 beschlossene Klimaschutzkonzept kreisweit umzusetzen. Sie könnte nach Einschätzung der Kreisverwaltung als erstes die darin empfohlenen Thermografie-Spaziergänge forcieren. Bei Führungen durch die Gemeinden werden den Teilnehmern anhand von Wärmebildern die Energieverluste an Gebäuden vor Augen geführt. Als nächstes könnte sie helfen, ein kreisweites Wärme-Kataster zu erstellen. Und drittens soll sie die Bevölkerung sensibilisieren, wie sinnvoll es ist, die eigenen Häuser energetisch zu sanieren.

Die damit deutlich werdende Konzentration auf Wärmeverluste hat seinen Grund: Dithmarscher stehen zusammen mit den Nordfriesen schon besonders gut da, was die Produktion erneuerbarer Energien angeht. Dieser erste Schritt ist gerade hier an der Westküste vorbildlich gelungen und stößt bei der Genehmigung neuer Wind-, Solar- und Biomasse-Anlagen bekanntlich an natürliche Grenzen. Dennoch wird sich die Zahl der Windkraftanlagen und der installierten Leistung in 2015 in Dithmarschen erneut erheblich erhöhen: Von heute 682 auf voraussichtlich 858 Windkraftwerke mit einer Leistung von zusammen 1649 Megawatt. Von den neuen 176 Anlagen stehen aktuell 105 vor der Inbetriebnahme, 71 befinden sich im Genehmigungsverfahren.

Neben dem weiteren Ausbau der klimaverträglichen Energieproduktion geht es aber im Konzept des Kreises vor allem darum, Einsparpotenziale zu entdecken und auszunutzen. Kreisverwaltungsdirektor Christian Rüsen wird in dem Papier in diesem Zusammenhang so zitiert: „Auf dem Gebiet der erneuerbaren Energien ist Dithmarschen bereits bundesweit an der Spitze, auf dem Gebiet der Energieeinsparung und Energieeffizienz ist aber noch viel zu tun.“

Um den Gedanken in allen Lebensbereichen zu verankern, sind in Dithmarschen im Dialog mit der Bevölkerung Handlungsfelder benannt und konkret 44 Projekte verankert worden.

Beispiel Wärmeverbrauch: Der beträgt in Dithmarschen zurzeit 3840 Gigawattstunden (GWh). Allein durch die Modernisierung von Öl- und Gaskesseln ließen sich 488 GWh einsparen. Durch die Sanierung von Gebäudehüllen könnten es sogar 1076 GWh sein und durch die Installation von weiteren Solar- oder Geothermie-Anlagen und Biomasse-Kraftwerke zusätzlich noch 293 GWh. Beispiel Strom: Im Jahr 2010 wurden in Dithmarschen 807 GWh verbraucht. Durch Einsparungen könnte der Wert auf 161 GWh sinken. Auch im Verkehr ließen sich 270 der im Jahr 2010 verbrauchten 1178 GWh einsparen.

Mit der Verwirklichung des Klimaschutzkonzeptes krönen die Dithmarschen jetzt in ihren Gemeinden die zahlreichen, bereits seit Jahrzehnten gepflegten Initiativen. Rückblick: Anfangs waren es Unternehmer, die vorpreschten und sich mit ihren Ideen und Anträgen bei den Verwaltungen durchsetzen mussten oder sogar abgewiesen wurden. Elektromaschinenbaumeister Hans-Henning Jacobs aus Heide rollte schon vor einem Vierteljahrhundert mit einem elektrisch betriebenen Kabinenroller durch Dithmarschen, lieferte seine Windkraftanlagen bis China und wurde mit Blockheizkraftwerken zum Pionier in Sachen Kraft-Wärme-Kopplung. Landwirt Peter Looft aus Lohe-Rickelshof war ein weiterer Windkraftpionier, der später auch eines der landesweit ersten Passivhäuser errichtete. Tischlermeister Roger Prignitz (Meldorf) baute nicht nur die ersten Niedrigenergiehäuser in Sarzbüttel mit auf, sondern gründete den an der Westküste einzigartigen Fachmarkt für Naturbaustoffe. Die Stadt Meldorf entwarf bereits in den neunziger Jahren eigens eine Wohnsiedlung, in der klare Vorschriften für umweltverträgliche Bauweisen gelten – inklusive eines zwangsweisen Anschlusses an ein Nahwärmenetz. In Hemmingstedt versorgt längst die Raffinerie mit ihrer Abwärme einen Gemüseproduzenten. In Brunsbüttel geht Abwärme aus der Industrie in öffentliche Gebäude wie Schulen und Schwimmbäder. Und der Kreis zeigt mit einem eigenen Renault Zoe, wie sinnvoll es sein kann, auf elektrisch betriebene Fahrzeuge umzusteigen. Diese Reihe ließe sich beliebig um viele weitere kluge Initiativen in Dithmarschen fortsetzen. Doch ab Anfang Februar geht es darum, das Klimaschutzkonzept umzusetzen und auch alle Endverbraucher für das Thema zu sensibilisieren.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen