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Norddeutsche Rundschau

24. September 2017 | 08:57 Uhr

VOR GERICHT : Wie kam es zum Unfall-Drama ?

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Drei Tote und mehrere Verletzte forderte ein Unfall im September 2013 auf der Störbrücke. Jetzt steht der 19-jährige Fahrer vor Gericht.

von
erstellt am 23.Apr.2014 | 05:00 Uhr

Er hat einen Alptraum durchlitten, der ihn wohl zeitlebens verfolgen wird: Am Morgen des 2. September 2013 saß der damals 18-Jährige am Steuer eines Audi A4, in dem bei einem schweren Unfall auf der Störbrücke seine Mutter und sein kleiner Bruder zu Tode kamen. Eine entfernte Verwandte starb wenige Tage später an den Folgen, fünf weitere Menschen wurden teilweise schwer verletzt. Gestern musste sich der gebürtige Armenier wegen fahrlässiger Tötung vor dem Amtsgericht Itzehoe verantworten. Durch ein „mehrsekündiges Reaktionsdefizit“ des Angeklagten sei der Wagen auf die Gegenfahrbahn gekommen, so Staatsanwalt Sebastian Fehr.

An den Folgen leiden nicht nur die übrigen Beteiligten bis heute, wie die Zeugenaussagen zeigten. Nicht zuletzt der Angeklagte selbst, der ebenfalls verletzt wurde, hat schwer daran zu tragen. Schon unmittelbar nach dem Unfall war er im Klinikum Itzehoe als selbstmordgefährdet eingeschätzt worden. Er gehe zwar wieder zur Schule und bereite sich auf das Abitur vor, doch er benötige Beruhigungs- und Schlafmittel und leide unter Alpträumen. Zu einer von den Ärzten angeratenen stationären Therapie habe er sich noch nicht durchringen können, weil er seinen Vater nicht im Stich lassen will. All das erklärte Sigurd Fabig, der Anwalt des Husumers. Der 19-Jährige selbst, der in sich zusammengesunken mit den Händen vor dem Gesicht auf seinem Stuhl saß, machte keine Angaben.

Das Unfallgeschehen schilderten mehrere Zeugen. Ihre Aussagen zeigten, wie verwirrend die Verkehrssituation auf der Störbrücke, wo wegen der Baustelle nur ein Fahrstreifen pro Richtung zur Verfügung steht, im Nachhinein wirkt. Es waren sich jedoch alle einig: Die durchgezogenen gelben Linien sowie ein Hinweisschild zeigten den Fahrbahnverlauf mit seinen Verschwenkungen deutlich an. Unstrittig auch: Der Audi, der Richtung Heide unterwegs war, und ein entgegenkommende VW Passat stießen frontal zusammen. „Es war wie im Fernsehen bei ‚Alarm für Cobra 11‘“, sagte ein 56-Jähriger.

Das Gutachten des Dekra-Sachverständigen geht davon aus, dass sich der VW „vollständig auf der Spur Richtung Hamburg“ befunden habe, es gebe „keinerlei Hinweise auf einen Überholvorgang“. Auch für technische Defekte am Audi fanden sich „keine Anhaltspunkte“. Die Rekonstruktion habe ergeben, dass beim Angeklagten ein fünf- bis achtsekündiges Reaktionsdefizit vorgelegen habe, so dass er der Fahrbahn nicht mehr aktiv folgte. „Das kann durch Ablenkung passiert sein oder durch Einschlafen.“ Alkohol- oder Drogenkonsum wurde ausgeschlossen. Durch die lang gezogene Rechtskurve sei der mit sechs Personen besetzte Audi dann automatisch auf die Gegenfahrbahn geraten und dort mindestens 50 Meter gefahren. Zwei Autos konnten ausweichen, der folgende Passat-Fahrer habe keine Chance gehabt.

Doch wie kam es zum Reaktionsdefizit? Das konnte gestern nicht geklärt werden. Der Angeklagte schweigt dazu, wo die Familie herkam und wie lange er am Lenkrad saß. Unmittelbar nach dem Unfall hieß es, dass die Familie auf dem Rückweg von einer Hochzeitsfeier war. Weitere Befragungen sollen das bei der Fortsetzung am 30. April klären. Das könnte zum einen Folgen für das Urteil haben: „Ein bisschen Aufhellung“ könne bei der Frage helfen, wie erzieherisch reagiert werden muss“, meinte der Staatsanwalt. Doch auch für zwei weitere Punkte könnte es relevant sein: Die verkehrsrechtliche Einordnung – Einschlafen gilt als gefährlicher Eingriff in den Straßenverkehr, was den Führerscheinentzug nach sich zieht – und den Familienfrieden.

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