Wie Helen aus Taipeh zur Feuerwehr kam

Aus der Millionenstadt Taipeh in die Kleinstadt Wilster: Li Jia-Hua – alias Helen – ging mit Gastvater Thomas Suhl zu einem Dienstabend der Feuerwehr und blieb gleich dabei.
Aus der Millionenstadt Taipeh in die Kleinstadt Wilster: Li Jia-Hua – alias Helen – ging mit Gastvater Thomas Suhl zu einem Dienstabend der Feuerwehr und blieb gleich dabei.

19-jährige Austauschschülerin aus Taiwan steht bei den Einsatzkräften in Wilster auch bei einer großen Übung ihren Mann

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12. Juni 2015, 16:45 Uhr

Eigentlich heißt sie Li Jia-Hua, aber alle kennen sie nur als Helen. Mit diesem international gebräuchlicheren Namen und einer Menge Erwartungen im Gepäck war die damals
18-Jährige im vergangenen August in Wilster angekommen. Zum ersten Mal in ihrem Leben hatte sie im Rahmen eines Schüler-Austauschprogramms Taiwan verlassen. Warum gerade nach Deutschland  ? Helen lächelt und denkt einen Moment über die Antwort nach. „Weil hier alles so sauber und friedlich ist. Außerdem steht Deutschland bei uns für hohe Qualität.“ Die USA zum Beispiel seien für sie auf keinen Fall in Frage gekommen. „Die Menschen dort tragen ja alle Waffen.“ Nach kurzer Pause fügt sie noch hinzu: „Und hier in Deutschland ist die Luft so sauber.“ Das ist kaum verwunderlich: Ihre Heimatstadt Taipeh hat rund 2,5 Millionen Einwohner. Und Wilster  ? „5000  ?“ schätzt Helen vorsichtig und freut sich, dass die Antwort fast richtig ist.

Beeindruckt zeigt sie sich auch vom in der Wilstermarsch besonders ausgeprägten ländlichen Raum. „Hier sieht man überall Tiere, die es bei uns sonst nur im Zoo gibt.“ Und auch das deutsche Familienleben hat es Helen angetan. „Viele Ausflüge und auch das Weihnachtsessen, das hat sie alles sehr gerne mitgemacht“, sagt Gastvater Thomas Suhl, dessen Familie schon einmal eine Austauschschülerin, aus Frankreich, aufgenommen hatte.

Als größten Unterschied zu ihrem Heimatland empfindet Helen aber die im Vergleich ungeheure Menge von Freizeit – und da lässt sie keine Langeweile aufkommen. Die Schulzeit nutzt sie zu einem Besuch der Itzehoer Kaiser-Karl-Schule, wo sie als Gaststudentin geführt wird. Einmal in der Woche sitzt sie in Wilster im Deutschkursus für Flüchtlinge der Volkshochschule, um ihre schon recht guten Sprachkenntnisse weiter auszubauen. Mittwochs treibt sie mit der gesamten Gastfamilie Sport beim MTV, anschließend spielt sie mit Suhl-Tochter Anja noch Badminton.

Auch für die übrige Freizeitgestaltung sorgen die Gasteltern. „Ich habe mir gedacht, man sollte sie möglichst gut in unser Leben einbinden“, sagt Gastvater Thomas Suhl, der Helen gemeinsam mit Ehefrau Gitta und Tochter Anja für ein Jahr bei sich aufgenommen hat. Also ging Helen einfach mal mit zu einem Dienstabend der Freiwilligen Feuerwehr, wo Suhl aktives Mitglied ist. „Sie sollte nur mal sehen, was ich so alles in der Freizeit mache.“ Die Helfern nahmen Helen herzlich auf. Sie kam wieder – und wurde gleich eingekleidet. Seitdem ist die junge Frau fester Bestandteil der Einsatzkräfte.

Nun stand die inzwischen 19-Jährige jetzt auch bei einer großen Alarmübung ihren Mann. Das Szenario: Eine Autowerkstatt neben einer Tankstelle in der Neuen Burger Straße stand in Flammen, Menschen mussten gerettet werden. Helen schleppte Schläuche, warf den Druckbelüfter an und brachte Gasflaschen in Sicherheit – immer mit einem Lächeln auf den Lippen. Zum Schluss durfte sie auch noch löschen.

Was sie von den freiwilligen Helfern gelernt habe  ? Wieder denkt Helen kurz nach und trifft lächelnd den Nagel auf den Kopf: „Wie man gut Aufgaben verteilen kann.“ Dass bei der Feuerwehr in Wilster Erlernte könnte ihr auch für die weitere berufliche Laufbahn nützlich sein. Helen will ab August in ihrer Heimat internationales Management studieren und ihre Deutschkenntnisse weiter vertiefen. Vorher geht es aber noch auf Deutschlandtour. Demnächst kommt ihre Schwester nach Wilster. Mit ihr will sie unter anderem Berlin und Nürnberg besuchen und einen Abstecher nach Prag machen. Ob ihr in Deutschland etwas nicht gefallen habe? Da muss Helen lange nachdenken und findet dann doch etwas: „Die langen Wartezeiten bei den Zügen.“ Tatsächlich muss man schon einmal eine Stunde einplanen, wenn man den Zug von Itzehoe nach Wilster verpasst hat. In Taipeh sind die Bahnen vermutlich im Minutentakt unterwegs. Dafür könnte Helen künftig den Helfern in ihrer Heimat zur Hand gehen, wenn es dort einmal brennt. Freiwillige Feuerwehren gibt es dort allerdings nicht.

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