Flüchtlinge : Wie ein Wolgadeutscher Asylanten zur Seite steht

Angekommen in Dithmarschen: Victor Schmidt kam von der Wolga, Sajad Segidi aus Afghanistan – beide helfen Asylanten.
Angekommen in Dithmarschen: Victor Schmidt kam von der Wolga, Sajad Segidi aus Afghanistan – beide helfen Asylanten.

Migrationsberatung des Diakonischen Werkes sucht Dolmetscher

shz.de von
03. Januar 2015, 16:29 Uhr

Wie im Bienenschwarm geht es zu im Diakonischen Werk in Meldorf. Jeder scheint drei Dinge gleichzeitig erledigen zu wollen. Eine Mitarbeiterin redet lebhaft in russischer Sprache auf einen Anrufer ein. Nebenan übersetzt der aus Afghanistan geflohene Sajad Segidi die Berichte eines anderen Asylbewerbers vom Persischen ins Deutsche. Unaufhörlich klingeln Telefone.

Victor Schmidt, der Leiter der Migrationsberatung, der als Wolgadeutscher in den 90er Jahren in die Bundesrepublik kam, versucht in dem Trubel zu erläutern, was noch alles getan werden muss, um den jetzt eintreffenden Flüchtlingen wirksam helfen zu können. Viel Zeit hat er nicht fürs Gespräch, denn am selben Tag sollen noch vier Flüchtlinge in Burg und einer in Brunsbüttel untergebracht werden. Da wollen er und Kollegen vor Ort sein, um dem großen Wort des Kreises von der „Willkommenskultur“ auch im Alltag gerecht zu werden.

Wie an dem Sprachengewirr schnell klar wird, fehlt es nach wie vor an Menschen, die Fremdsprachen beherrschen. Schmidt blättert in seinen Listen, sagt, dass ihm einer fehlt, der Eritreisch beherrscht. Zwar sei die Vielfalt anderer Sprachen gut abgedeckt, doch er würde sich über jedes neue Angebot freuen. Schließlich seien ja nicht alle sofort erreichbar, wenn Not am Mann ist. Da sei es gut, den Pool ehrenamtlicher Dolmetscher immer weiter zu vergrößern. Noch könne er jedem sogar eine kleine Aufwandsentschädigung versprechen. Dafür könne er auf Geld zurückgreifen, das Dithmarscher im gesamten Kirchenkreis im Rahmen der Osterkollekte gespendet hatten. 4000 Euro waren damals zusammengekommen.

Victor Schmidt sucht über jene Übersetzungshelfer hinaus aber auch Sprachmittler, die Lust hätten, ihre Deutschkenntnisse den Asylbewerbern im Alltag beizubringen. Sie an die Hand zu nehmen und mit ihnen bei Behörden, beim Einkaufen, bei Spaziergängen oder bei geselligen Treffen mit anderen Dithmarschern in ihrer Gemeinde die Grundzüge der deutschen Sprache zu vermitteln - „und wenn es mal mit Händen und Füßen geschieht“,fügt Schmidt schmunzelnd hinzu.

Er hebt besondere Erfolge hervor, die Dithmarscher dabei erzielen: Sogar Analphabeten, die nicht lesen oder schreiben konnten, notierten inzwischen auf Papier in Deutsch Informationen, die sie erhalten – im Geiste der seit drei Jahrzehnten in Dithmarschen mit großem Elan betriebenen Alphabetisierung. Sie kommt nun indirekt auch Ausländern zu Gute. Bei der Auswahl achten die Mitarbeiter der Migrationsberatung darauf, welcher Migrant zu welchem Sprachmittler passen könnte. Diese Partnerschaft sei ganz wichtig für die Zuwanderer: „Der Asylbewerber weiß, dass da jemand ist.“ Meistens gelinge es, dass beide im selben Ort wohnen, also kurze Wege zueinander haben. Wenn das nicht klappt, treffen sie sich halt an den Wochenenden – dafür dann ausgiebiger.

Angesichts der Flüchtlingswelle werde leicht übersehen, dass die Migrations-Sozialberatuung des Diakonischen Werks all jenen Menschen zur Seite stehe, die Grenzen hinter sich gelassen haben und nun hier in einem ihnen bislang unbekannten Land leben. Also auch ausländischen Arbeitnehmern, jüdischen Emigranten, Spätaussiedlern und letztlich jedem, der als Ausländer mit einem Deutschen verheiratet ist.

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