Holocaust-Gedenken in Itzehoe : Wie ein jüdischer Junge den Massenmord überlebte

Seine Eltern versteckten Tswi Herschel bei einer nicht-jüdischen Familie bevor sie von Nationalsozialisten deportiert und ermordet wurden.
Foto:
1 von 2
Seine Eltern versteckten Tswi Herschel bei einer nicht-jüdischen Familie bevor sie von Nationalsozialisten deportiert und ermordet wurden.

Tswi Herschel erzählte im Himmel + Erde seine Geschichte – und warb für Völkerverständigung.

shz.de von
27. Januar 2015, 05:00 Uhr

Itzehoe | Betroffen, erschüttert, nachdenklich – so reagierten die Zuhörer im Himmel + Erde auf den Lebensbericht von Tswi Herschel aus Israel, der aus Anlass des heutigen 70. Jahrestages der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz in Itzehoe über seine Erlebnisse sprach.

„Ich wurde im Dezember 1942, in der dunkelsten Zeit des Zweiten Weltkriegs und des Holocausts in Zwolle in den Niederlanden als Sohn jüdischer Eltern geboren. Bereits am 10. Mai 1940 hatten deutsche Soldaten die Niederlande besetzt“, erzählt Herschel. In einem geschichtlichen Abriss dieser Zeit geht er besonders auf das Schicksal der jüdischen Bevölkerung ein und erinnert an die zahlreichen Verbote, unter denen die Juden auch in den Niederlanden zu leiden hatten. Anhand eines „Lebenskalenders eines jüdischen Jungen“, in dem sein Vater Nico Herschel seine Visionen zur Zukunft seines Sohnes in Bildern aufgezeichnet hat, schildert Tswi Herschel die Stationen seines Lebens. Als er erst vier Monate alt ist, geben ihn seine Eltern in die Hände eines nicht-jüdischen Paares– „in der Hoffnung, dass ich der Vernichtung entgehe und gerettet werde.“ Vater und Mutter, gerade 27 und 24 Jahre alt, werden kurz darauf ins Vernichtungslager Sobibor im südöstlichen Polen deportiert und von der SS ermordet. Allein in diesem Vernichtungslager wurden nach Schätzungen bis zu 250  000 Juden in Gaskammern umgebracht, darunter 33  000 aus den Niederlanden.

„In diesen Jahren bin ich oft nur knapp dem Tod entronnen“, erzählt Tswi Herschel, der nach dem Krieg aber nicht bei seinen Pflegeeltern bleiben kann: „Meine biologische Großmutter hat mich meinen Pflegeeltern entrissen. Von diesem Tag an veränderte sich mein Leben. Meine Großmutter brach jeden Kontakt mit der Familie ab, die mich gerettet und bedingungslos ihr Leben für mich riskiert hatte. Sie änderte meinen Namen und ich wurde gezwungen, eine andere, für mich fremde Religion anzunehmen, während ich zeitgleich alles vergessen sollte, was ich über den christlichen Glauben meiner Pflegeeltern gelernt hatte.“ Dieser traumatische Beginn habe sein ganzes Leben geprägt.

Und den Antisemitismus spürt er weiter: „Es war nicht immer einfach, sich in der Nachkriegszeit als Jude zurechtzufinden und es gab kein Verständnis für ein Kriegswaisenkind.“ 1963 kommt Tswi Herschel zum ersten Mal nach Israel. 1965 heiratete er, 1986 wanderte er mit seiner Frau aus. Tswi Herschel: „Ich reiche meine offene Hand. Wir sollten das nicht vergessen. Wir müssen dafür stehen, dass das nie wieder passiert.“

zur Startseite
Karte

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen