Vergangenheitsbewältigung : Wider die schweigende Mehrheit

Seine Familiengeschichte macht ihn zum Zeitzeugen der besonderen Art: Niklas Frank.
Seine Familiengeschichte macht ihn zum Zeitzeugen der besonderen Art: Niklas Frank.

Lesung mit Niklas Frank: Journalist aus Wilster arbeitet nationalsozialistische Familiengeschichte auf.

shz.de von
07. Februar 2018, 05:01 Uhr

Als sein Vater ins Blickfeld einer breiten Weltöffentlichkeit rückte, war Niklas Frank gerade einmal sechs Jahre alt. Hans Frank saß als ehemaliger Generalgouverneur des besetzten Polen gemeinsam mit Hermann Göring, Albert Speer und 21 weiteren Nazi-Größen bei den Nürnberger Prozessen gegen die Hauptkriegsverbrecher auf der Anklagebank. Wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit wurde Frank 1946 hingerichtet.

Sohn Niklas ist heute 78 Jahre alt. Zeit seines Lebens hat ihn seine Familiengeschichte nicht losgelassen. Im Gegenteil: Der in einer Wilstermarschgemeinde lebende Journalist und Buchautor hat sich ihr mit schonungsloser Offenheit gestellt. Bei der nächsten Veranstaltung des Vereins Leselust am Sonntag, 18. Februar, um 19.30 Uhr im Spiegelsaal des Neuen Rathauses stellt er sein jüngstes Buch vor: „Dunkle Seele, feiges Maul.“

Hans Frank war Nationalsozialist der ersten Stunde und schon 1923 bei Hitlers „Marsch zur Feldherrnhalle“ dabei. Später wurde der Jurist „Reichsrechtsführer“, dann Minister ohne Geschäftsbereich und schließlich Generalgouverneur. Niklas Frank berichtete später, wie er als kleiner Junge mit seiner Mutter, der „Königin von Polen“, in den Ghettos und bei Einkaufstouren unterwegs war. Nach dem Krieg besuchte er ab dem 12. Jahrgang ein Internat in Wyk auf Föhr. Mitschüler waren unter anderem die beiden Söhne des Reichsaußenministers Joachim von Ribbentrop. Nach dem Studium wurde er Journalist, arbeitete später sechs Jahre für die deutsche Ausgabe des Playboy und dann 20 Jahre als Reporter beim Stern.

Nach zwei Büchern gegen seine Eltern („Der Vater - eine Abrechnung“ und „Meine deutsche Mutter“) vollendete er mit „Bruder Norman!“ die entlarvende Trilogie über (s)eine deutsche Familie, die dank Hitler aufstieg. Anhand zahlloser Akten erzählt Niklas Frank nun empörende, aber auch absurd komische Fälle voller Lug und Trug aus der Zeit der Entnazifizierung in den Jahren zwischen 1945 und 1951. Dreist verkauften damals Mitglieder und Nutznießer der NSDAP die Spruchkammern für dumm und retteten sich ohne Reue ins demokratische Deutschland. Frank gewährt dabei Einblicke in den, wie er findet, giftig-süßen Beginn der bundesdeutschen Demokratie und erschreckende in den Alltag des „Dritten Reichs“. Messerscharf analysiert er, dass ein direkter Weg von damals zum heutigen Verhalten der schweigenden Mehrheit der Deutschen führt.

Neben bekannten Namen wie Lina Heydrich, Oskar von Hindenburg, Emmi Göring, Winifred Wagner und anderen interessiert sich Frank vor allem für die vielen unbekannten Nazis, die das unmenschliche System gestützt und bejubelt haben, ihre Mitmenschen denunzierten, bei der Judenverfolgung weg sahen und sich bei den Mächtigen anbiederten. Am Ende wagt Niklas Frank die These, dass „ein direkter Weg von der missglückten Entnazifizierung in das schwer rechtslastige Verhalten der schweigenden Mehrheit der Deutschen von heute“ führe.

> Anmeldungen aufgrund zahlenmäßig begrenzter Plätze unter 04823/921336. Der Eintritt frei, Spenden sind willkommen

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