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stadtentwicklung : Wer kauft den Schandfleck der Stadt?

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Abwicklungsgesellschaft „aurelis“ will das ehemalige Eisenbahn-Ausbesserungswerk verkaufen. Bürgermeister: Areal verursacht zu viel Kosten.

Das Gelände des ehemaligen Eisenbahn-Ausbesserungswerkes (EAW) entwickelt sich zum Schandfleck von Glückstadt. Dass sich das so schnell ändert, daran glaubt Bürgermeister Gerhard Blasberg nicht. „Das Gelände kauft keiner.“ Denn zurzeit wirbt die „aurelis“ mit einem großen Schild für den Verkauf des rund 108 000 Quadratmeter großen Geländes mitten in der Stadt am Janssenweg. Aurelis wurde 2002 als Tochter der Deutschen Bahn AG gegründet – als Abwicklungsgesellschaft von Bahngrundstücken in ganz Deutschland. Heute gehört „aurelis“ dem Finanzinvestor „redwood grove“ an.

„Ein Kaufpreis wurde bisher nicht genannt“, sagt Blasberg. „Nicht einmal geschenkt würden wir das Grundstück nehmen.“ Denn die Kosten für den Abbruch der ehemaligen Werkshallen, die Entsorgung und Bauleitplanung, seien viel zu hoch. „Auch wenn wir dort Baugrundstücke entwickeln könnten, würde am Ende eine riesige rote Zahl stehen.“ Der Verwaltungschef kann sich nicht vorstellen, dass es überhaupt Interessenten gibt.

Bauamtsleiter Dr. Lüder Busch ist seit Kurzem wieder in Kontakt mit Mitarbeitern von „aurelis“: „Wir kommen in den Gesprächen nicht weiter.“ Auch er spricht von Problemen: „Der Gebäudebestand, die Lärmemissionen durch die Bahn und die Altlasten.“ Unklar ist, welche Altlasten es gibt, denn einst wurden in den Hallen unter anderem Lokomotiven repariert. Dr. Busch hofft, dass mit Mitteln der Städtebauförderung ein Gutachten zu den Altlasten erstellt werden kann. Dies müsse jedoch noch mit dem Innenministerium abgeklärt werden.

Der Stadt das Areal kostenlos zu überlassen und noch Geld dazuzugeben, dass kann sich aurelis-Pressesprecher Raik Packeiser nicht vorstellen. Wohl aber, dass ein Investor gefunden wird. „Wir müssen Nutzungsarten finden, die bei der Stadt eine Akzeptanz finden“, sagt Packeiser zu dem Problem, dass die Bauleitplanung bei der Stadt liegt.

Gespräche mit der „aurelis“ wurden vor Kurzem auch deshalb aufgenommen, weil Jugendliche sich über einen defekten Zaun Zutritt verschafft hatten. Graffitsprayereien belegen dies. Die Stadt fürchtete, dass Schlimmeres passieren könnte, weil eine Gefahr für die Sicherheit besteht.


Geschichte des Ausbesserungswerkes


 

Was aus dem Gelände werden soll, bleibt somit unklar. Im Jahr 2000 gingen beim Eisenbahn-Ausbesserungswerk die Lichter aus. Dort, wo einst zu Spitzenzeiten über 1000 Menschen arbeiteten, war aufgund vieler politischer Einwände plötzlich Schluss. Damit kam auch das Aus für die Ausbildungswerkstatt mit bis dahin sieben Klassen. In Folge übernahm die „aurelis“ die Vermarkung für die Liegenschaft. Wie berichtet, gab es 2004 Verhandlungen mit der Stadt, dort ein Einkaufszentrum zu errichten. Das Vorhaben scheiterte an der örtlichen Politik.

Das Ausbesserungswerk hat eine lange Tradition. Gebaut wurde es 1841, ursprünglich an der heutigen Christian-IV.-Straße, wo laut Eisenbahnkenner Heinz Süberling auch der erste Bahnhof gebaut worden war. 1856 wurde die Eisenbahntrasse nach Itzehoe gebaut, Glückstadt bekam einen Durchgangsbahnhof. Deshalb wurde 1863 eine neue Reparaturwerkstatt errichtet, damals noch 200 Meter südlich vom Güterbahnhof. 1877 – mit der Verlängerung der Bahnstrecke in Richtung Heide – wurde das zehn Hektar große Areal an der Bahnstrecke gekauft, dort, wo die Hallen heute noch stehen. Im ersten Bauabschnitt wurde laut Süberling neben der Verwaltung unter anderem auch eine Halle für die Reparatur von Lokomotiven gebaut. 1886 kamen die neue Halle, Schmiede und Magazin hinzu, 1934 eine Sporthalle für den damaligen Eisenbahnsportverein (ETSV).

1981 bauten die Verantwortlichen eine neue Lehrlingswerkstatt für rund 1,57 Millionen Euro, in der zwischen 100 und 170 Auszubildende in den einzelnen Jahrgängen eine fundierte Ausbildung bekamen. Die junge Leute kamen von der gesamten Küste – von Pinneberg bis hoch nach Sylt. Die Bahn war damals einer der größten Lehrlingsausbilder in Schleswig-Holstein.

Am 1. Juli 1997 wurde das Glückstädter Eisenbahn-Ausbesserungswerk offiziell in „Maschinenbau-Glückstadt“ umbenannt. Der neue Name hat sich im allgemeinen Sprachgebrauch allerdings nie durchgesetzt. 1999 stand fest, dass die Lehrlingswerkstatt zum 31. Dezember geschlossen wird. Am 29. Dezember 2000 war dann endgültig Schluss mit dem Werk in Glückstadt.

 

 

 

 

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