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Norddeutsche Rundschau

21. Oktober 2017 | 06:49 Uhr

Vortrag in Itzehoe : Wer ist ein Deutscher?

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Der Historiker Manfred Hanisch spricht über nationale Identität – und kann keine eindeutige Antwort liefern.

Wer ist ein Deutscher? – Ist es eine Schleswig-Holsteinerin mit dänischen Urgroßeltern, ein Mann aus Bayern, dessen Familie seit jeher dort lebt, oder sogar Donald Trump? „Das ist eine schwierige Frage mit hochpolitischer Brisanz“, erklärte Manfred Hanisch, der am Donnerstag in der Kaiser-Karl-Schule einen Vortrag zum Thema „Gibt es eine deutsche Identität?“ hielt. Auf Einladung der Schleswig-Holsteinischen Universitätsgesellschaft referierte der emeritierte Kieler Geschichtsprofessor in dem gut gefüllten Raum über das Deutsch-Sein.

Problematisch sei unter anderem die Definition von Identität. „Wenn wir unsere Ur-Ur-Ur-Großeltern gefragt hätten, welche Identität sie haben, wäre die Antwort gewesen: Ich bin Protestant.“ Denn bis in das 18. Jahrhundert definierten sich die Menschen hauptsächlich über ihre religiöse Identität. Nachrangig zur Religion kam dann die politische Identität, „also ein Itzehoer fühlte sich dann als treuer Untertan des Herzoges von Schleswig-Holstein-Gottorf.“ Zusätzlich dazu gebe es, auch heute noch, die Zugehörigkeit zur Region und zu Familie und Freunden.

Auch die Frage nach der Nation und „Deutschland“ sei nicht einfach zu klären. Während im Mittelalter das Heilige Römische Reich bestand und „germanisch“ gleichbedeutend mit „deutsch“ war, kam der Gedanke der nationalen Identität erst mit der Französischen Revolution im 18. Jahrhundert auf, in Deutschland mit seinen vielen Einzelstaaten sogar noch etwas später. Eine Nation äußere sich allerdings auch kulturnational, also „in der gemeinsamen Herkunft, gemeinsamer Sprache und gemeinsamen Sitten und Gebräuchen.“

„Im Deutschen Reich war ein Deutscher, wer das Staatsbürgerrecht eines Bundesstaates des Deutschen Reiches hatte.“ Adolf Hitler habe rund sechzig Jahre später seine ganz eigene, rassistisch begründete Definition aufgestellt. Und auch heute spiele die kulturnationale Definition mit gemeinsamer Herkunft und Sprache eine wichtige Rolle. Demnach sei auch US-Präsident Donald Trump ein Deutscher.

Relevanter aus Hanisch’ Sicht sei deshalb der Verfassungspatriotismus, „dass alle, die das Grundgesetz anerkennen und die deutschen Grundwerte teilen, Deutsche sind.“ Für ihn reiche das Menschsein als wichtigste Identität aus. „Hinter allen anderen Fragen bleibt das Fragezeichen dauerhaft bestehen – es gibt keine richtige oder falsche Antwort.“



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