„Wer ich auch bin, Du kennst mich“

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shz.de von
17. Oktober 2014, 11:14 Uhr

„Manchmal, wenn ich morgens aufwache, weiß ich nichts mehr“, erzählte mir der junge Mann, der zehn Minuten klinisch tot gewesen ist, und nun mit den Folgen zu kämpfen hat. „Wie?“, fragte ich ihn, „weißt du denn auch nicht mehr, wer du bist?“

Er grinste und piekste mühsam mit der Gabel in der Hand, die ihm nicht recht gehorchte, Nudelsalat auf. In meinem Kopf ratterte es. Ich musste an Dietrich Bonhoeffer und sein berühmtes Gebet denken, das er 1944 zermürbt von der Haft im Gestapo-Gefängnis geschrieben hatte: „Wer bin ich? Der oder Jener? Bin ich denn heute dieser und morgen ein anderer? Bin ich beides zugleich?“ Dann fielen mir noch der Pop-Philosoph Richard David Precht mit seinem Buch „Wer bin ich und wenn ja, wie viele?“ und die Leute ein, die im Netz anonym sein wollen.
„Doch, doch“, antwortete er dann, „ich weiß, dass ich Dieter Bohlen bin. Ich finde, im Nudelsalat fehlt Senf.“

An seinem schelmischen Blick erkannte ich, dass er nur das mit dem Senf ernst meinte.

„Ich rufe dann nach meiner Mutter oder meiner Oma, und die sagen mir alles.“ Er stand auf und ging zum Buffet. Mein Kaffee war mittlerweile kalt geworden.

„Bin ich wirklich, was andere von mir sagen? Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?“, fragte Bonhoeffer weiter. Die beiden Schlusszeilen kamen mir wieder in den Sinn: „Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott. Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!“ Und zum nächsten Essen bringe ich Senf mit.

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