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Freiwillige Feuerwehren : Wenn Wehrführung eine Last wird

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Überlastung und kaum noch Freizeit: Viele Feuerwehrchefs müssen Herkulesarbeit leisten. Und einigen wird’s zuviel.

shz.de von
erstellt am 08.Feb.2014 | 16:10 Uhr

In Wilster hängt Björn Kröger seinen Wehrführer-Hut an den Nagel. In Itzehoe ließ sich Peter Happe nur deshalb noch einmal für drei weitere Jahre bis zur Altersgrenze im Amt bestätigen, weil sich kein Nachfolger fand. Sein Vertreter steht aus beruflichen Gründen nicht zur Verfügung. Selbst Kreisbrandmeister Frank Raether kämpfte um einen weiteren Stellvertreter, weil die Aufgaben und Anforderungen immer mehr werden. Und in einer weiteren Steinburger Gemeinde wird ein Wehrführer sein Amt demnächst zur Verfügung stellen, weil sich Dienst, Beruf und Privatleben nicht mehr in Einklang bringen lassen. „Wir beobachten schon jetzt einen verstärkten Gesprächsbedarf mit Führungskräften“, weiß Frank Raether. „Tenor: Ich kann nicht mehr, ich will nicht mehr. Das wird uns künftig noch weiter vor Probleme stellen.“ Die Feuerwehren kämpfen nicht nur gegen den demografischen Wandel an, sondern auch mit der Suche nach Männern und Frauen, die einen Großteil ihrer Freizeit für Führungsaufgaben opfern.

Tatsächlich ist die Übernahme eines Wehrführerpostens schon im Vorfeld mit reichlich Arbeit verbunden. Nach der Feuerwehr-Grundausbildung muss er sich in Lehrgängen hocharbeiten. Zwei Wochen Gruppenführer-Ausbildung, noch einmal zwei Wochen für die Führung eines Zuges und dann eine weitere Woche für die Leitung einer Wehr. Zwei Stunden täglich steckt Björn Kröger nach eigener Rechnung im Schnitt in sein Amt. Er verglich die Führung einer mittelgroßen freiwilligen Feuerwehr mit der Leitung eines kleinen Unternehmens.

Mit dieser Einschätzung liegt er auch nach Beobachtung von Frank Raether richtig. Zwar versuchten der Kreisverband und die Feuerwehrzentrale in Breitenburg-Nordoe den örtlichen Wehren so viel wie möglich an Arbeit abzunehmen und Organisationsabläufe zu vereinfachen. Am Ende ist jede Stadt- und Gemeindefeuerwehr aber erst einmal für sich selbst verantwortlich. Die Aufgabenpalette eines Wehrführers reicht von Finanz- und Einsatzplanung über Sicherstellung der Löschwasserversorgung, Öffentlichkeitsarbeit und Ausbildungsplanung bis hin zu Repräsentationsaufgaben. Er muss die Verhandlungen mit den Kommunalpolitikern führen – und so nebenbei auch noch die Einsatzberichte fertigen, wenn die Wehr ausrücken musste. „Was viele unterschätzen: Zahlreiche Termine müssen auch sehr zeitaufwendig vor- und nachbereitet werden“, weist Verbandssprecher Christian Nöhren auf einen weiteren, in der Öffentlichkeit kaum beachteten Umstand hin. Vor allem die Gespräche im politischen Bereich zehren nach Beobachtung von Frank Raether häufig an den Kräften. „Dabei geht es hier ja nicht um freiwillige Leistungen“, weist der Kreisbrandmeister auf die klaren Pflichtaufgaben einer Gemeinde nach dem Brandschutzgesetz hin. Nöhren pflichtet ihm bei: „Natürlich fordern wir die beste Ausrüstung. Aber das kann auch ganz schön zermürbend sein.“

Hinzu kommt die Verantwortung: „Nicht umsonst ist ein Wehrführer ja auch Ehrenbeamter“, betont Frank Raether. Als solcher haftet er im Zweifel auch für Fehlentscheidungen oder gravierende Versäumnisse. Letztlich sei auch die gerade in den Wehren so wichtige Menschenführung eine Riesen-Herausforderung.

Groß belohnt werden Engagement und Verantwortung zumindest finanziell aber nicht. Laut Entschädigungsverordnung des Landes bekommt – zum Beispiel – der Wehrführer einer Gemeinde bis 5000 Einwohner höchstens 171 Euro im Monat. Zahlreiche Kommunen bleiben aber noch deutlich unter den möglichen Höchstsätzen. Umgerechnet auf den von Björn Kröger ermittelten Arbeitsaufwand hieße das: Wehrführer können von Mindestlöhnen zur träumen. Immerhin haben sie auch noch Anspruch auf Kilometer- und Kleidergeld. Viele, so weiß Frank Raether, nähmen das aus Idealismus aber nicht einmal in Anspruch.

Die zunehmende Belastung der Führungskräfte schlägt sich bereits in häufigeren Wechseln nieder. Waren früher Wehrführer oft auf Lebenszeit im Amt – sprich: bis zur Altersgrenze von 65 –, erreicht heute nur noch jede Zehnte der mehr als 100 Feuerwehrchefs im Kreisgebiet eine vierte Amtsperiode. Im Schnitt sind die Steinburger Wehrführer übrigens 49 Jahre alt, ihre Stellvertreter zwei Jahre jünger. Unter den Spitzenkräften ist nur eine einzige Frau – eine 24 Jahre alte stellvertretende Wehrführerin in Hohenaspe.

Frank Raether kann überlasteten Mitstreitern nur dringend empfehlen, möglichst viele Aufgaben zu delegieren. Mit einer Novellierung des Brandschutzgesetzes soll künftig auch – die bislang nicht mögliche – Wahl eines zweiten Stellvertreters möglich sein. Das könnte eine weitere Entlastung bringen. Das Problem immer kleiner werdender Feuerwehr löst das aber nicht. Nach einer jüngsten Erhebung des Kreisverbandes sind 40 Prozent aller Helfer tagsüber gar nicht rechtzeitig verfügbar. Unterm Strich macht dies rund 1400 Männer und Frauen. Rechnet man Krankheitsfälle, Schichtgänger oder nicht beruflich bedingte Ortsabwesenheiten mit, wäre die Hälfte aller Steinburger Feuerwehrleute im Notfall gar nicht mehr einsatzbereit. Frank Raether: „Schon jetzt erreichen 40 Prozent unserer Feuerwehr nicht mehr ihre gesetzlich vorgegebene Sollstärke.“ Auch für die Einsatzbereitschaft trägt letztlich der Wehrführer die Verantwortung – im Rahmen der Alarm- und Ausrückeordnung.

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