zur Navigation springen

Wenn jeder Sinn fehlt – sinnvoll inszeniert

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Zum Schluss, nach 140 Minuten pausenlosen Monologisierens, ist alles untergegangen. Sozusagen titelgetreu, wie es zu Thomas Bernhards „Der Untergeher“ passt. Zuerst die Idee vom Theater; denn der Schauspieler Christian Fries (Foto) spricht nur, kein Bühnenbild, kein Kostüm, keine Maske, keine Aktion. Sodann die Idee des Erzählens; denn alles Gesagte wird sofort wieder relativiert: Das gefühlt fünftausend Mal wiederholte „sagte er, dachte ich“ zerlegt auch die letzte Hoffnung auf Gewissheit. Und schließlich die Sprache selbst; denn zum Schluss hört das Publikum im mager besetzten Studio des Theater Itzehoe nur noch das Scratchen der Nadel auf einer Schallplatte.

Genauso will es Thomas Bernhard, der österreichische Publikumsbeschimpfer, dessen literarisches Credo in der gewollten Verstörung, wenn nicht Sinnzerstörung liegt. Bernhard (1931-1989) bricht radikal mit der Illusion einer heilen Welt. Er hält sie auch nicht für heilbar. Deswegen bevorzugt er den Monolog. Miteinander reden? Sinnlos! Für ihn lebt der Mensch sinnentleert in einer sinnlosen Welt.

Konsequent und radikal überträgt Christian Fries dieses niederschmetternde Fazit in sein Spiel. Zwar gaukelt er seinem Publikum vor, es befinde sich in einem „Gedankenraum“, aber es wird gar nicht gedacht. Sein Monolog suggeriert, als benötige er ein Publikum. So faszinierend die Reduktion seines Spiels auf sein Gesicht auch wirkt: Nur ohne Publikum wäre seine Inszenierung perfekt. Sinnvoller kann man Sinnverlust nicht in Szene setzen. Kein Wunder also, dass das Publikum nach den mehr als zwei Stunden kaum in der Lage ist, der bewunderswerten Gedächtnisleistung des Schauspielers und seiner konsequenten „Untergeher“-Auslegung Beifall zu zollen. Aber auch das gehört zum Kalkül des Schauspielers. Kein Beifall wäre der höchste Ausdruck des Respekts gewesen. Thomas Bernhard – das ist verkehrte Welt.

Die Handlung? Die Story? Der Plot? Spielt keine Rolle. Macht sowieso keinen Sinn, es zu berichten. Denn die Menschen, die glauben, Bernhards Sprache zu verstehen, seien „Dummköpfe und Scharlatane“, sagte er, denke ich.

Karte
zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen