Wenn Faust zum Hobbit greift

Mittendrin statt nur dabei: Tobias Wenck fühlt als Leipziger Student bei Meike Titjen den Puls.
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Mittendrin statt nur dabei: Tobias Wenck fühlt als Leipziger Student bei Meike Titjen den Puls.

Gymnasiasten erleben Steffen Schlösser mit seiner Kurzfassung von Goethes Tragödie im Theater – und sind begeistert

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23. Januar 2015, 05:00 Uhr

Sie hatten von einem „Ein-Mann-Theater“ wenig erwartet – doch Steffen Schlösser überraschte sie. Rund 200 Schüler verfolgten in zwei Vorstellungen im Studio des Theater Itzehoe „die zwei Seelen“ in seiner Brust, die er als Faust vorführte. Als Gretchen lässt er sich von diesem verführen. Und als Mephisto bietet er sich selbst als „Teil von jener Kraft, die stets das Böse will und stets das Gute schafft“, Paroli.

Der Schauspieler des Mecklenburgischen Landestheaters Parchim gastierte mit seiner Kurzfassung von Goethes Tragödie zum zweiten Mal im Theater, was der gesamte 12. Jahrgang der Kaiser-Karl-Schule (KKS) zum Besuch nutzte. Die Schüler erlebten einen Faust im Originalton der Knittelverse, der zuweilen neben sich tritt und längere Passagen erzählend zusammenfasst. Aktualisierende Akzente bringen das Geschehen aus dem 17. Jahrhundert den Besuchern des 21. Jahrhunderts humorvoll nahe. So zieht der des vielen Wissens überdrüssige Gelehrte den „Hobbit“ aus dem Regal oder versucht sich mit Plutonium am Selbstmord, um die fantasievollen Stichwortgeber nicht zu enttäuschen.

Schlösser schlüpfte mit nur wenigen Kostümakzenten, veränderter Haltung und stimmlichen Differenzierungen in alle Rollen – und holte sich zusätzlich aus dem Publikum Unterstützung. Friederike Dammann zupfte mit ihm als Gretchen ihr fiktives Gänseblümchen: „Er liebt mich, er liebt mich nicht, er liebt mich...“. Tilman Hintz malte mit Kreide einen Drudenfuß auf den Lederkoffer, um die bösen Geister zu bannen. Henrik Sand focht als Gretchens Bruder vergeblich mit dem angedeuteten Degen um sein Leben, und Tobias Wenck prüfte als junger Leipziger Student bei Meike Titjen den Puls, um ihre Liebesfähigkeit zu testen. Mit einem der „weltweit meist gespielten Stoffe“ begeisterte Steffen Schlösser seine Zuschauer ohne Einschränkung, wie diese im Anschluss an die Vorstellung bekundeten: „Der Rollenwechsel war perfekt“, „ein grandioser Schauspieler“, „er hat uns toll eingebunden, da fühlte man sich angesprochen“, „das war witzig, nie langweilig“.

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