Flüchtlinge : Wenn die Worte fehlen

Deutsch als Chance: Sprachpate Rüdiger Schumacher (r. ) versucht Ali Ahmad den Anfang in Deutschland zu erleichtern.
Deutsch als Chance: Sprachpate Rüdiger Schumacher (r. ) versucht Ali Ahmad den Anfang in Deutschland zu erleichtern.

Wie ehrenamtliche Sprachpaten versuchen, in Itzehoe eine Willkommenskultur zu leben

Kay Müller von
02. Dezember 2014, 05:10 Uhr

Die Bilder kommen in der Nacht. „Ich sehe meine Kinder, wie sie von einem Boot auf dem Mittelmeer ins Wasser fallen und langsam versinken“, sagt Ali Ahmad. Er lächelt, als er über seine Träume berichtet – so, als könne er seine Angst einfach weglachen. Doch das gelingt dem 48-jährigen Syrer, der seit acht Monaten mit seiner 22-jährigen Tochter in Itzehoe lebt, nicht so recht. Denn er hat Angst, dass seiner Frau und seinen beiden minderjährigen Kindern, die nach Ägypten geflohen sind, etwas zustoßen könnte – auch ohne eine mögliche Flucht übers Mittelmeer. Und deshalb heißt er auch nur in dieser Geschichte Ali Ahmad.

Er hat fast alles verloren: In der seit Jahren vom Bürgerkrieg verwüsteten syrischen Stadt Aleppo haben Bomben sein Steuerberaterbüro zerstört. Vor über zwei Jahren floh Ahmad deswegen mit seiner Familie nach Ägypten. „Wir hofften schnell zurückkehren zu können.“ Ein Trugschluss.

Der Familie ging das Geld aus, Ali floh mit einer Tochter nach Itzehoe, seitdem versucht er, den Rest seiner Familie nachzuholen. Was er dafür braucht, weiß er: eine Aufenthaltsgenehmigung und Geld. „Dafür brauche ich einen Job und dafür muss ich Deutsch sprechen können“, sagt Ahmad.

„Doch das Sprachkurs-Angebot ist beschränkt, die Nachfrage steigt aber mit den zunehmenden Flüchtlingszahlen immer weiter an“, sagt Corinna Ahrens-Gravert, Leiterin der Volkshochschule Itzehoe. Dort besucht Ali Ahmad mit 19 weiteren Flüchtlingen dreimal in der Woche einen zehnwöchigen Sprachkursus. Weitere 70 Flüchtlinge stehen auf der Warteliste. „Wir würden gern mehr machen, haben aber nicht die Mittel dafür“, klagt Ahrens-Gravert.

Spätestens wenn der Kursus beendet ist, stehen viele Flüchtlinge wieder allein da. Dann helfen ihnen nur noch ehrenamtliche Sprachpaten wie Rüdiger Schumacher, der für die Caritas tätig ist. Seit einem Jahr versucht er, Flüchtlingen die ersten Schritte in Deutschland zu erleichtern. Seine Sprachstunden sind eine Mischung zwischen Schul- und Klönstunde. Der pensionierte Informatiker ist einer, der Willkommenskultur lebt, der fast jeden Tag bei der Caritas sitzt. Er geht mit den Flüchtlingen auf den Markt, bringt ihnen bei, sich in fremder Umgebung zurecht zu finden. „Wir füllen ein bisschen die Lücke, die der Staat lässt“, sagt Schumacher.

Gäbe es nicht Menschen wie ihn, würden die Flüchtlingen noch mehr unter sich bleiben. „Aber viele wollen den Kontakt zu den Deutschen“, sagt der 60-Jährige. Nur so könne Integration wirklich funktionieren.

Nicht wenige der Flüchtlinge sind gut ausgebildet und motiviert. Aber vielen mangelt es an Geld. „Wir haben schon Leute verloren, weil sie sich die Fahrt von Wacken oder Krempe nach Itzehoe zum Sprachkursus nicht leisten konnten“, sagt Schumacher. Und dann rückt er seine Brille zurecht und fragt: „Aber was passiert mit den Menschen, wenn sie hier die Sprache nicht lernen und nicht integriert werden?“ Die Antwort für was sie anfällig werden, könne sich jeder selber geben.

Ali Ahmad glaubt daran, dass er in Itzehoe eine neue Heimat und irgendeinen Job finden kann – auch weil ihm nicht mehr viel anderes bleibt. Nach Aleppo könne er nicht zurück, dort sei alles zerstört – außerdem habe er Angst vor den Truppen des Islamischen Staates. „Da kann man nicht mehr leben – da ist nur noch Krieg.“

Deswegen möchte er seine Familie wiedersehen, denn die könne nur von dem leben, was seine Frau durch ein paar Stunden verdient, in denen sie Arabisch-Unterricht gibt. Ein Jahr lang will Ahmad noch versuchen, sie nach Deutschland zu holen. „Wenn es dann nicht klappt“, sagt er und holt tief Luft, „dann fahre ich nach Ägypten zurück, um mit ihnen zu sterben.“

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