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Norddeutsche Rundschau

24. Oktober 2017 | 10:31 Uhr

Wenn der Taktstock ins Publikum fliegt

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Mit einem Konzert besonderer Qualität ist das Theater Itzehoer in die neue Konzertsaison gestartet. Die Hamburger Camerata präsentierte auf feinstem kammermusikalischen Niveau zwei Werke Beethovens, die weniger im Fokus der Klassiköffentlichkeit stehen: Beethovens Symphonie Nr. 4 und dessen vollständige Theatermusik zu Goethes „Egmont“, von der man sonst nur die Ouvertüre hört.

Philipp Hochmair zeigte als Sprecher mit aufgerauter Intonation den tragischen Egmont, der sich in seinem Freiheitskampf gegen die Spanier auf die Seite seines niederländischen Volkes stellt, sich aber, zugleich in Liebe zu seinem Clärchen entflammt, für unangreifbar hält und so, als habe er seinen Machiavelli nicht gelesen, in politischer Naivität und geniehafter Selbstüberschätzung in den Tod geht. Hochmair verdeutlicht, wie Beethovens Musik Goethes Drama interpretiert. Pia Bohnert (Sopran) singt das verliebte Clärchen, dessen Selbstmord durch ein herzzerreißend melancholisch gespieltes Larghetto angedeutet wird. Sie ist eben „himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt“. Insgesamt ein gelungenes melodramatisches Experiment, auf das sich die Camerata und die beiden Solisten einließen.

Auch mit ihrer Interpretation der 4. Symphonie setzen Simon Gaudenz und die Camerata eigene Akzente. Nach einer extrem leisen und langsamen Einleitung, die einen fast vergessen lässt, wie fröhlich und spielerisch Beethoven manches aufgefasst hat, steigert sich die Camerata, im Stehen spielend, in eine eher romantische als klassische Interpretation hinein. Nicht das Bombastische, sondern das Verspielte hebt Gaudenz hervor. Selbst die bei Beethoven üblichen orchestralen Tumulte treten hier hinter die solistischen Einsprengsel von Klarinette, Oboe und Flöte zurück. Sogar das Fagott bekommt in der Vierten einen Solopart. Gaudenz dirigierte mit solcher Verve, dass ihm sogar sein Taktstock ins Publikum entflog.

Fazit: Schade, dass keine Zugabe gespielt wurde. Die Camerata, in ihrer Existenz trotz des künstlerischen Niveaus bedroht, war wohl von ihrem Erfolg selbst überrascht.

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