zur Navigation springen

Wilster : Wenn der Bordstein zur Barriere wird

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Für Rollstuhlfahrer ist die Innenstadt eine Herausforderung – oft müssen sie Umwege in Kauf nehmen oder verkehrswidrig fahren.

Sie werden von Autofahrern angehupt, wenn sie in Rathausstraße, im Kohlmarkt oder am Markt vom Bürgersteig auf die Straße wechseln und zum vermeintlichen Verkehrshindernis werden. Sie wünschen sich mehr Verständnis und Rücksichtnahme, und an so mancher Gehweg-Stelle einfach nur eine Absenkung der Bordsteinkante, um gefahrlos und ohne Umwege in Kauf nehmen zu müssen, zu ihrem jeweiligen Ziel zu gelangen: Camilla Bunten (66) und Ingrid Jaep (75) bewegen sich im Chopper-Rollstuhl durch Wilster. In der Innenstadt stoßen sie auf manche Barriere, die auch für Menschen im nicht elektrischen Rollstuhl, am Rollator oder eben auch Eltern mit Kinderwagen oft zum Problem werden.

„Wenn die Bürgersteige zu schmal sind, kann natürlich nicht so schnell was verändert werden“, sagt Camilla Bunten. Aber gerade dort sind die Rollstuhlfahrer darauf angewiesen, auf die Straße ausweichen zu können. „In der Rathausstraße oder am Kohlmarkt, aber auch in der Straße Landrecht ist das besonders schlimm“, nennt sie Beispiele. Und an Müllabfuhrtagen kommt auf den anderen Gehwegen noch das Hindernis Abfalltonne hinzu. „Sie fahren um die Ecke und plötzlich versperrt Ihnen eine Mülltonne den Weg.“ Während Camilla Bunten noch absteigen und zumindest leere Abfallbehälter Richtung Hauswand schieben könnte, kann Ingrid Jaep nicht laufen. Der Chopper muss rückwärts bis zu einer Auffahrt gefahren werden, um dann auf der Straße weiterzukommen. Gleiches gilt bei Baustellen oder Fassadengerüsten, für die die Hinweisschilder oft nicht weit genug davon entfernt aufgestellt sind, um rechtzeitig an geeigneter Stelle den Bürgersteig verlassen zu können. Deren Kantsteine sind im Übrigen oft sehr hoch. Auch ein Grund dafür, dass „Abkürzungen“ gar nicht gefahren werden können. Wer im Rollstuhl zum Beispiel den Gang zwischen Klosterhof und Kohlmarkt befahren würde, drohe am Kohlmarkt auf die Straße zu stürzen.

Will Ingrid Jaep von zu Hause zum Wochenmarkt – und sich nicht verkehrswidrig verhalten –, muss sie aus Richtung Rathausstraße kommend einen großen Umweg in Kauf nehmen. Ebenso Camilla Bunten, wenn sie von den Einkaufsdiscountern am Steindamm rauf zum Markt will. „Den Markt zielgerichtet zu umrunden, schaffen wir nicht.“ Ein Teilbereich sei vorbildlich – am Eiscafé entlang und an der Westseite entlang. Dann versperrt eine bepflanzte Schubkarre den Weg. „Hübsch, aber für uns leider zum Nachteil.“ Dort müssen die Rollstuhlfahrer dann entgegen der Einbahnstraßenregelung entweder durch Zingelstraße oder auf der Fahrbahn am Markt weiterfahren. Bei viel Verkehr an Wochenmarkttagen ein gefährliches Unterfangen – mit entsprechend negativer Reaktion der Autofahrer. Und auf dem Kopfsteinpflaster an der Ostseite des Marktes laufen die Chopper-Fahrerinnen Gefahr, die Stoßdämpfer ihrer elektrischen Rollstühle zu ruinieren. Also fahren sie außen rum am Klosterhof an der Amtsverwaltung vorbei, allerdings auch hier verkehrswidrig, da sie an der Kreuzungs-Ampel schon die Fahrbahn queren müssen – eine spätere sichere Möglichkeit gibt es nicht. Die Burger Straße fahren die Frauen ebenfalls ungern hoch. Zu den teils sehr engen Bürgersteigen kommt noch hinzu, dass der Fußweg an der Einmündung zur Taggstraße nicht abgesenkt ist. So führt sie der Weg an der Polizei vorbei zum Colosseumsplatz und Wochenmarkt. Dort befinden sich übrigens auch die öffentlichen Toiletten. „Wenn Sie dahin müssen, müssen sie auf jeden Fall verkehrswidrig mit dem Rollstuhl fahren – sonst schaffen Sie das nicht“, fügt Camilla Bunten hinzu.

Natürlich sei es schon möglich irgendwie ans Ziel zu gelangen, aber eben nur mit Umwegen oder Regelverstoß. „Das ist für mich keine Inklusion“, sagt Camilla Bunten. Und darum hoffen die Frauen für sich und andere Betroffene, dass mögliche einfache Veränderungen vorgenommen werden, um auch Menschen mit Behinderungen den Weg durch die gesamte Innenstadt frei zu machen.

zur Startseite

von
erstellt am 13.Mai.2017 | 08:03 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen