Bildung : Wenn das Smartphone einmal klingelt

So wird ein Tisch gedeckt: Aileen Boie, Nico Thurau und Emelie Soltau (v. l.). zeigen unter dem kritischen Blick von Kathrin Giesen, was sie im Benimm-Kursus gelernt haben.
So wird ein Tisch gedeckt: Aileen Boie, Nico Thurau und Emelie Soltau (v. l.). zeigen unter dem kritischen Blick von Kathrin Giesen, was sie im Benimm-Kursus gelernt haben.

Gemeinschaftsschüler lernen in Benimmkursen fürs Leben und für den Start in den Job

Kay Müller von
05. Juni 2015, 04:51 Uhr

„Was war denn das?“ Kathrin Giesen muss ihr Entsetzen nicht einmal spielen. Das Klingeln eines Smartphones bringt sie aus der Ruhe. „Das ist ein absolutes No Go“, entrüstet sie sich. Und das nicht nur, weil es den Unterricht in einem Klassenraum der Gemeinschaftsschule am Lehmwohld unterbricht, sondern gleichzeitig auch den Benimmkursus, der dort zum ersten Mal stattfindet.

Einer der Teilnehmer ist Nico Thurau, der verschämt sein mobiles Endgerät wieder in der Tasche verschwinden lässt. „Ist schon peinlich“, sagt der 17-Jährige, der sich rege am Kursus beteiligt. Jeder der rund 120 Abschlussschüler der Gemeinschaftsschule muss an dem dreistündigen Kursus teilnehmen. „Ich habe noch keine negative Rückmeldung bekommen“, sagt der stellvertretende Schulleiter André Harz. „Viele Eltern wollen das, und die Schüler nehmen das gern an.“ Die Lehrer könnten den Jugendlichen das gute Benehmen „nur nebenbei“ beibringen. „Aber wenn sie es von Profis hören, ist das noch einmal etwas anderes.“ Nicht nur gute Noten seien wichtig, sondern auch ein gutes Auftreten.

Tanzlehrerin Kathrin Giesen, die den Kursus gemeinsam mit Thomas Claaßen veranstaltet, bringt den Jugendlichen das gute Benehmen auch in den Tanzstunden bei. Doch weil dort nicht alle Jugendlichen auftauchen, gehen die beiden an die Schulen – ausgestattet mit Elementen, die sie aus dem Anti-Blamier-Programm des Allgemeinen Deutschen Tanzsportverbandes entnommen haben, sagt Claaßen. Er übernimmt in dem Kursus den Part des Bewerbungstrainers, der den Jugendlichen erklärt, wie sie richtig auftreten, was sie anziehen und wie sie ein Gespräch führen sollten.

Kathrin Giesen zeigt ihnen hingegen „das allgemeine Leben“, wie sie sagt. Dabei ist der Praxisanteil hoch. Aileen Boie muss etwa zeigen, wie sie richtig einen Tisch eindeckt. Und selbst das Laufen wird trainiert. Der 16-jährige Luca Friedrich reicht seiner Trainerin den Arm, muss das richtige Tempo wählen, damit Kathrin Giesen auf ihren Pumps Schritt halten kann.

„Es ist erstaunlich, wie viel die Schüler schon wissen“, sagt Kathrin Giesen – etwa dass das Besteck von außen nach innen aufgenommen wird. Viele andere Benimmregeln könnten sich die Jugendlichen mit ihrer Hilfe herleiten. Der Kursus helfe ihnen, sich in Gesellschaften besser zu bewegen und sicherer aufzutreten.

Die Jugendlichen finden das alles andere als unmodern. „Das verbessert bestimmt meine Chancen bei einem Bewerbungsgespräch“, sagt Nico Thurau – genau, der mit dem Smartphone. Und Aileen, die mit ihm zusammen das Tischdecken geübt hat, findet es gut, wenn junge Männer ordentliche Manieren haben. „Ist doch toll, wenn einem ein Mann die Tür aufhält. Welche Frau mag das nicht?“

Und halten sich die jungen Männer in ihrem Jahrgang daran? Ein bisschen verzieht die 16-Jährige das Gesicht. „Das dann eher nicht“, sagt sie: „Leider.“

zur Startseite
Karte

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen