Überschuldung : Wenn das Einkommen nicht ausreicht

Die Betreuung überschuldeter Menschen dauert Jahre, weiß Elke Dopp-Stein. Sie betont, dass die persönliche Finanzkrise kein Makel sei: „Es kann jeden treffen.“
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Die Betreuung überschuldeter Menschen dauert Jahre, weiß Elke Dopp-Stein. Sie betont, dass die persönliche Finanzkrise kein Makel sei: „Es kann jeden treffen.“

Schuldnerberatung Lichtblick beteiligt sich an bundesweiter Aktionswoche: Viele warten zu lange mit dem Gang in die Beratung

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14. Juni 2015, 08:00 Uhr

Brunsbüttel | Wer die Küferstraße 8 in Brunsbüttel ansteuert, hat nicht nur eine Hemmschwelle überwunden, sondern in der Regel eine lange „Karriere“ mit Schulden gemacht. Denn in dem grauen Holzhaus hat die Schuldnerberatungsstelle Lichtblick ihre Büros. Der Bedarf an deren Einsatz ist steigend, gleichwohl warten die Menschen, die sich dort Hilfe für ihre extreme finanzielle Schieflage erhoffen, viel zu lange, sagt Geschäftsführerin Alis Rohlf. Durchschnittlich 66 Monate quälen sich in der Schuldenfalle sitzende Menschen, bevor sie den Mut aufbringen, eine Beratungsstelle aufzusuchen. Um sich der Öffentlichkeit besser darzustellen, wird ab Montag bundesweit eine Aktionswoche der Schuldnerberatung ausgerufen. Lichtblick in Brunsbüttel wird mitmachen. Das Kernthema lautet „Arm und überschuldet – trotz Arbeit“.

Das Motto zeigt, wie leicht es ist, den finanziellen Überblick zu verlieren und am Ende als überschuldet zu gelten – über einen längeren Zeitraum Ausgaben und Einkommen nicht mehr in Einklang bringen zu können. Vor allem, sagt Elke Dopp-Stein, Beraterin bei Lichtblick: „Es kann jeden treffen.“ Der eine verdient einfach nicht genug, um den Lebensunterhalt langfristig bestreiten zu können, der andere trägt an den Folgen einer Scheidung oder einer langen Krankheit oder der Arbeitslosigkeit. Aus der finanziellen Bahn geworfen zu werden, sei einfach, bestätigt Alis Rohlfs. Auf keinen Fall bedeute dies, in der Gesellschaft versagt zu haben. Denn Kredite lassen sich gut bedienen, so lange das Einkommen stimmt. Wenn aber schon der leichteste Störfaktor das persönliche Finanzgefüge durcheinanderbringen kann, ist es fast schon zu spät.

Noch schlechter sind diejenigen dran, bei denen es im Grunde vorne und hinten nicht reicht. Und das, obwohl sie Arbeit haben. Eine Musterrechnung zur Aktionswoche verdeutlicht das: 1249 Euro Lohn plus 184 Euro Kindergeld genügen nicht, um monatlich 650 Euro Miete, 800 Euro Haushaltsgeld, 101 Euro Strom, 140 Euro Raten und 96 Euro für den ÖPNV zu schultern. Elke Dopp-Stein ergänzt diese Musterrechnung: „Wenn eine Pflegehelferin 1400 Euro brutto im Monat bekommt – wie soll sie dann eine Familie ernähren?“ Das sei ein Grundproblem geworden: Die Löhne seien vielfach schlicht zu niedrig. Ein anderes Beispiel: Manche allein erziehende Frau versuche, mit mehreren geringfügigen Jobs das Familieneinkommen zu bestreiten, weiß Alis Rohlf. „Die stehen mit der Kündigung eines Jobs sofort auf dem Schlauch.“

Um 932 Personen haben sich die sieben Mitarbeiterinnen von Lichtblick im vorigen Jahr gekümmert. 302 Haushalte wurden neu in die Betreuung durch die Schuldnerberatung aufgenommen, 290 wurden abgeschlossen – am Jahresende befasste sich das Team mit 642 so genannten aktiven Fällen. Das sei nicht mit wenigen Treffen erledigt, betont Alis Rohlf. „In den meisten Fällen müssen wir über viele Jahre zusammen mit den Betroffenen arbeiten.“ Für die Beraterinnen in Brunsbüttel sei ein Limit erreicht, sagt die Geschäftsführerin. Abgewiesen wird aber niemand.

Dabei ist die Tendenz steigend, die Schuldnerberatungen verzeichnen größeren Zulauf. Inzwischen, so Elke Dopp-Stein, seien zunehmend Senioren von ernsten Finanzproblemen betroffen. Die Altersarmut wächst.

Den typischen Schuldner gibt es nicht. In der Kartei von Lichtblick stehen Akademiker ebenso wie Hartz-IV-Empfänger. Rohlf: „Wir betreuen auch Menschen mit gutem Einkommen.“ Auffällig ist allerdings, dass viele keine abgeschlossene Berufsausbildung haben. Damit haben sie nur Aussicht auf schlecht bezahlte Arbeitsplätze – nicht selten der Einstieg in die Schuldenkarriere.

Damit sich schon junge Menschen mit ihrer finanziellen Situation kritisch auseinandersetzen, geht Lichtblick mit einem Präventionsprogramm an die Schulen. In der Erwachsenenbildung liegt ein Fokus auf Azubis.

Was vielen nicht klar ist: Anhaltende finanzielle Sorgen schlagen irgendwann auf die Seele durch. Deshalb haben die Schuldnerberaterinnen stets auch sozialpädagogisches Wissen, um gerade am Anfang die Betroffenen psychisch wieder aufrichten zu können. Schon beim ersten Kontakt, wenn die Scheu überwunden ist, seine Misere Fremden zu offenbaren, falle den meisten der sprichwörtliche Stein vom Herzen, sagt Alis Rohlf. Denn: „Wir kritisieren nicht und setzen nicht den Rotstift an.“ Der Weg zurück ins Auskommen mit dem Einkommen sei das Ziel. Um es gar nicht so weit kommen zu lassen, rät Elke Dopp-Stein, regelmäßig das eigene Budget zu überprüfen und äußerst vorsichtig mit Verträgen zu sein.

>In der Aktionswoche bietet Lichtblick neben der regulären offenen Sprechstunde am Donnerstag (9 - 11 Uhr), eine Feierabendsprechstunde von 17 bis 19 Uhr an. Auch die ist kostenlos.

>Internet: www.lichtblick-dithmarschen.de

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