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Norddeutsche Rundschau

16. Dezember 2017 | 19:50 Uhr

Wenn Buchstaben Rätsel bleiben

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Verein Lese- und Rechtschreibschwäche diskutierte mit Experten und Besuchern

von
erstellt am 02.Jul.2017 | 17:42 Uhr

Man kennt das aus dem Alltag: Einen spiegelverkehrten Text zu lesen, bereitet große Schwierigkeiten. Karin Sauer, Diplom-Pädagogin und Entwicklungspsychologin an der Schleswiger Helios-Klinik, Abteilung Kinder- und Jugendpsychiatrie, ging noch einen Schritt weiter, um ihrem Fachpublikum zu veranschaulichen, welche Schwierigkeiten ein Legastheniker überwinden muss, um einen einfachen Text lesen zu können. Sie verschlüsselte sieben Buchstaben in Groß- und Kleinschrift und präsentierte die Kürzestsätze dann in Schreibschrift. Das gab ein Raten, Ächzen, Stöhnen und Seufzen im Publikum, knapp zwei Dutzend interessierte Erwachsene, die plötzlich wie zu Schulzeiten tuschelten, vorsagten und sich wie die Schneekönige freuten, wenn denn eine Zeile entschlüsselt war. Für einen Legastheniker sei dieser Umgang mit der „Ottogravieh“ jedoch Alltag.

In ihrem Vortrag „Die Lehse-Rechtschreipstörunk in dea Kinda- und Jugendzüchatri“ setzte sich Karin Sauer detailliert mit der Diagnose und Behandlung von Kindern und Jugendlichen mit einer Lese- und/oder Rechtschreibstörung auseinander. Ihr kam es vor allem darauf an, die Legasthenie als Risikofaktor für die Entwicklung psychischer Auffälligkeiten zu erfassen. Deswegen werde bei der Diagnose der LRS (Lese- und Rechtschreibschwäche) in der Schleswiger Klinik auch ein Blick auf mögliche ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) geworfen. Ebenfalls gingen mit einer LRS möglicherweise auch Angststörungen, Rechenstörungen (Dyskalkulie) sowie Sprachstörungen und depressive Entwicklungen einher. So sei das Suizid-Risiko nach neuesten Untersuchungen um das Dreifache im Vergleich zur Normgruppe erhöht. Diese sogenannten Komorbiditäten, also mit der LRS einhergehende Risiken, seien, so die Referentin, insgesamt zu wenig im Blickfeld aller Beteiligten, die den betroffenen Kindern und Jugendlichen helfen wollen.

Im Anschluss an den fast 90-minütigen Vortrag, zu dem Wolf-Rüdiger Sosnowski als Vertreter des LRS-Ortsverbandes Kellinghusen/Hohenlockstedt eingeladen hatte, gab es eine lang andauernde, sehr lebhafte und kontroverse Diskussion, bei der vor allem die Leiterin des Kreisjugendamtes, Karin Kretzschmar, ihre amtlichen Entscheidungen zur Legastheniehilfe verteidigen musste.

Mit erheblicher Leidenschaft stritten sich die Beteiligten über die auch landesweit unterschiedliche Auslegung von Paragraf 35 Kinderjugendhilfegesetz, in dem es um die außerschulische Förderung geht, im Amtsdeutsch: die Milderung der Teilnahmeeinschränkung am gesellschaftlichen Leben.

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