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Norddeutsche Rundschau

24. Oktober 2017 | 04:47 Uhr

Operation : Wenn auch Schreien nicht mehr hilft

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

In schwierigen Operationen erhielt Jürgen Siebrandt zwei Hörprothesen eingesetzt. Heute steht der Brokstedter selbst Betroffenen zur Seite.

von
erstellt am 26.Jan.2014 | 16:08 Uhr

Wenn alle gelacht haben, hatte Jürgen Siebrandt nichts zu lachen. Er konnte kaum noch hören. „Ich war immer der Doofe, weil ich nicht hören konnte, worüber gesprochen oder gelacht wurde“, erinnert sich der eigentlich gesellige und zu Scherzen aufgelegte pensionierte Fleischermeister. Schon 2009 wurde das Hören immer schlechter. Als keines der herkömmlichen Hörgeräte mehr half, reichte auch ein „Anschreien“ nicht mehr aus. „Stellen Sie mir das Gerät doch lauter“, bat Jürgen Siebrandt immer wieder, doch es ging nicht lauter. Auf dem einen Ohr hatte er noch vier Prozent, auf dem anderen Ohr 40 Prozent Hörfähigkeit – mit Hörhilfe. Aufgrund von Durchblutungsstörungen, so hatte man es Jürgen Siebrandt erklärt, ereilten ihn dann auch noch zwei in kurzer Zeit aufeinander folgende Hörstürze. Die Lebensqualität sank, die Einsamkeit stieg. Erst zwei schwierige und seltene Operationen brachten Hilfe.

Sein Hals-, Nasen- und Ohrenarzt, Jörg Seidler aus Kellinghusen, schickte ihn zu einem weiteren Facharzt nach Kiel. Doch die dort vorgenommene Operation brachte nicht den erhofften Erfolg. Die nächste Station war das Universitätskrankenhaus Hamburg-Eppendorf (UKE). Dort entschied man sich, ihm ein Cochlea Implantat (siehe unten), also eine Hörprothese für Gehörlose, deren Hörnerv noch funktioniert, einzusetzen. Gut zwei Stunden dauerte die Operation im Jahr 2010. Dabei wurde eine Empfangsspule hinter dem Ohr unter die Haut eingesetzt, genauer beschrieben, wird das Implantat in eine ausgefräste Vertiefung des Schädelknochens eingesetzt. Der seltene Eingriff brachte auch Heilungsschmerzen mit sich. Die Wunde musste circa einen Monat heilen, bevor das Gegenstück, die externe Einheit, von Außen über die Kopfhaut Verbindung aufnehmen konnte. Damit konnte Jürgen Siebrandt zwar gleich hören, aber nicht verstehen, denn das Sprachverständnis war noch nicht vorhanden. Dafür erfolgte dann ein intensives Hörtraining, ähnlich dem Erlernen einer Fremdsprache, um die neuen Signale den bekannten Hörmustern zuordnen zu können. In der ersten Zeit war er einmal in der Woche, später einmal im Monat in Hamburg zur Einstellung und Anpassung des Sprachprozessors an das neue Hören. Zu dem Gerät gehört auch eine Fernbedienung, mit der Jürgen Siebrandt seine Hörprothese auf Lärm-, Musik- und Alltagsumgebungen fein justieren kann.

Die Freude über das sich stetig steigernde Hörerlebnis veranlasste ihn, nach Einholung der Genehmigung von der Krankenkasse, sich Mitte 2011 auch für das andere Ohr ein Cochleaimplantat einsetzen zu lassen. „Noch auf dem OP-Tisch fragte ich mich, ob ich mir die Schmerzen wirklich noch einmal antun will“, erinnert er sich. Aber im Nachhinein ist er froh, denn „man merkt den Verlust, wenn ein Gerät ausfällt“. In Studien wurde nachgewiesen, dass Sprachverstehen im Störschall mit nur einem Ohr deutlich schlechter ist als mit zwei versorgten Ohren.

Heute gehört Jürgen Siebrandt zwar zu den über 30 000 Menschen in Deutschland, die ein Cochlea Implantat tragen, aber zu einer deutlichen geringeren Anzahl von Menschen, die gleich zwei Implantate tragen. Deshalb nimmt er auch an Gruppentreffen sowie weiteren Veranstaltungen teil, die im Universitätsklinikum stattfinden. Neben dem verantwortlichen Arzt Dr. Carsten Dalchow und dem betreuenden Audiologen Diplom-Ingenieur Alexander Elsholz kann auch Siebrandt die Fragen anderer Betroffenen aus eigenem Erleben verstehen und aus der Sicht eines Selbstbetroffenen beantworten. Das ist häufig sehr hilfreich für alle Beteiligten. Nur, dass er jetzt manchmal so „leise“ spricht, macht seiner Ehefrau Lisa und Nachbarin Frauke doch manchmal „Sorgen“.

> Weitere Informationen unter www.uke.de/kliniken/hno

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