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Erinnerungen einer Itzehoerin : „Weizsäcker gehört zu meiner Familie“

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Heute gab es für den verstorbenen Alt-Bundespräsidenten einen Staatsakt – eine Itzehoerin erzählt von ihren ganz persönlichen Erinnerungen

Itzehoe | Das Telefon bei Elke-Maria Tesch klingelt morgens um kurz vor neun Uhr an diesem Tag in den frühen 80er Jahren. Am Apparat sei das Vorzimmer des Bürgermeisters gewesen, sagt die Itzehoerin. „Man hat mir gesagt, dass der Bürgermeister noch zwei wichtige Termine habe, die er nicht absagen könne. Und dann wurde ich gefragt, ob ich mich als amtierende Bürgervorsteherin nicht um den prominenten Gast kümmern kann, der nun schon eineinhalb Stunden früher als erwartet aus Berlin in Itzehoe eintreffen wird“, erzählt Tesch. Der prominente Gast ist der damalige Regierende Bürgermeister von Berlin und spätere Bundespräsident, Richard von Weizsäcker, der am 31. Januar gestorben ist und zu dessen Ehren heute ein Staatsakt in Berlin stattfindet. „Sein Tod hat mich berührt, und als ich hörte, dass er schon 94 Jahre alt war, ist mir erst bewusst geworden, dass ich auch schon 77 bin“, sagt Tesch.

Der zweite Gedanke hängt mit einer besonderen Begegnung zusammen, die Tesch vor über 30 Jahren mit von Weizsäcker hatte. Es gibt ein Foto davon, das Tesch in den Händen dreht. Darauf blickt von Weizsäcker die Itzehoerin vertraut an. Entstanden ist es in Teschs Haus, in das sie den Regierenden Bürgermeister spontan einlud. „Man hatte mir vorgeschlagen, dass ich Herrn von Weizsäcker in ein Café oder so ausführen sollte, aber mir war es dann doch lieber, ihn bei mir zu bewirten“, sagt Tesch. Schnell holt sie Brötchen, setzt Tee und Kaffee auf als es auch schon an ihrer Tür klingelt. „Da standen zwei große BMW, ein Fahrer und drei Sicherheitsleute – und er.“ Zuerst habe nur von Weizsäcker herein kommen wollen. „Aber ich habe gleich alle zum Frühstück eingeladen, war ja genug da.“ Spontan habe einer der Sicherheitsleute mehrere Bilder mit Teschs Kamera gemacht, die sie sorgsam ins Familienalbum eingeklebt hat – neben das Autogramm des späteren Bundespräsidenten. „Denn irgendwie gehört Herr von Weizsäcker seit dem doch zu meiner Familie.“

Sie sei schnell mit von Weizsäcker warm geworden, man habe sich über Politik und Familie unterhalten, sagt Tesch. „Er hat mir erzählt, dass seine Frau ihre beruflichen Ambitionen zurückgestellt hat, weil sie ihrem Mann den Rücken frei gehalten hat.“ Schnell sei das Thema auf Frauen in der Politik gekommen, die wie Tesch voll beruflich engagiert sind, eine Familie zu versorgen haben – und dennoch in einer damaligen Männerdomäne mitwirken wollen. „Er war ein reeller Mann.“ Und mit Weizsäcker sitzt jemand bei Tesch auf dem Sofa, der ebenfalls gern seine eigene Meinung äußert, auch wenn sie für Parteifreunde unbequem ist. „Wir waren uns einig, dass man zwar einer Partei angehören, ihr aber nicht hörig sein sollte“, sagt Tesch, die für die CDU fast 20 Jahre lang im Magistrat der Stadt Itzehoe saß.

Am Ende habe sich ihr Parteifreund nach einer guten Stunde im Haus Tesch verabschiedet, sich für die gute Bewirtung und das nette Gespräch bedankt – und sich auf den Weg zu seinen offiziellen Terminen gemacht. Um was es da genau ging, das weiß Elke-Maria Tesch heute nicht mehr. Ins Goldene Buch der Stadt hat sich von Weizsäcker jedenfalls nicht eingetragen. Nur eines weiß Tesch sicher: „Bei mir war er länger als im Rathaus.“

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erstellt am 11.Feb.2015 | 04:45 Uhr

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