Weiche Töne und Luthers harter Text

Nach der Amtseinführung: (v.li.) Ernst-Willy Rönnau, Pastor Andreas Christian Kosbab und Propst Thomas Bergemann.
Nach der Amtseinführung: (v.li.) Ernst-Willy Rönnau, Pastor Andreas Christian Kosbab und Propst Thomas Bergemann.

Kantaten-Gottesdienst mit Projektchor in St. Laurentii

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23. Januar 2017, 06:00 Uhr

Nach dem Konzert, das eigentlich ein Gottesdienst war, strahlte St.-Laurentii-Kantorin Dörthe Landmesser. Ihr Projektchor, offiziell der Chor der Bachkantaten-Werkstatt, hatte seine Sache gut gemacht. Unter den 70 Stimmen befanden sich viele Ältere, die zum ersten Mal dabei waren, und besonders viele junge Leute. Zum Beispiel Emma (16) und Annika (15), die die Altstimme ergänzten. „Das macht viel Spaß, in der Gemeinschaft zu singen“, erklärten sie übereinstimmend. Es stellt ein bemerkenswertes Können von Dörthe Landmesser dar, immer wieder neue Interessenten für die musikalische Arbeit an St. Laurentii zu gewinnen.

Die Kantorin hatte für den Gottesdienst die Bach-Kantate „Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort“ ausgewählt. Sie basiert auf einem Text Martin Luthers, den Propst Thomas Bergemann in seiner Predigt vor rund 200 Gemeindemitgliedern im fast voll besetzten Kirchenschiff ausführlich auslegte. Ausdrücklich wollte er den Text trotz seiner wenig versöhnlichen Sprache nicht als Kampflied gegen Katholiken und Muslime verstanden wissen. Die bereits abgeschwächte Zeile „Steure deiner Feinde Mord“ sei auch heute noch in ihrer Abgrenzung und Gewaltbereitschaft schockierend.

Vielmehr verstehe er Luthers Lied als reformatorischen Text, der sich in seiner Tiefe der Suche nach der Glaubenswahrheit angesichts der Bedrohung in der realen Welt widme. Luther schreite, so der Propst, in seinem Lied die Dimensionen des Lebens ab. Am Ende stehe der Frieden zwischen den Menschen als ein voraussetzungsloses Geschenk, „ein Geschenk in leere Hände“. Das sei eine auch heute, fast 500 Jahre nach Luthers Text, gültige reformatorische Botschaft.

Auch die Musik, der Luther besonders verbunden war, bezeichnete der Propst als „Gottesgeschenk“. Es gelte, über alle Unterschiede hinweg, den richtigen Ton zu treffen.

Das gelang nicht nur im tatsächlichen, sondern auch im übertragenen Sinne allen Beteiligten, den Solisten Sandra Buschmann (Alt), Henning Kaiser (Tenor) und Ralf Grobe (Bass) sowie dem gut 20-köpfigen Orchester der Bachkantaten-Werkstatt, in dem Christoph Semmler (Trompete), Christiane Ascheberg und Martina Rode (Oboe) sowie Detlef Homann (Violoncello) Solo-Aufgaben übernahmen. Auffällig: Bach glättet, 170 Jahre nach Luther, den Text mit seiner Musik harmonisch ein.

Der Chor sorgte für das kraftvolle Fundament, für die weichen Zwischentöne waren besonders die beiden Oboen zuständig. Viele Gottesdienst-Besucher bedankten sich bei der Kantorin und dem Propsten für die schöne Musik und die nachdenklich machenden Worte.


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