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Norddeutsche Rundschau

21. August 2017 | 14:46 Uhr

Musik : Weg vom Gummistiefel-Image

vom
Aus der Redaktion der Glückstädter Fortuna

Der Münsterdorfer Gerrit Hoss (36) möchte mit seiner Musik den Ruf des Plattdeutschen aufpolieren – und ist damit ziemlich erfolgreich

Seine ersten Auftritte hatte der Münsterdorfer Musiker Gerrit Hoss als Straßenmusiker, mittlerweile hat der 36-Jährige einen vollen Terminkalender und steht regelmäßig auf großen Bühnen. Letztes Jahr kam sein drittes Album „Platt!“ auf den Markt, auf dem er ausschließlich auf Niederdeutsch singt – was sich als eine ziemlich gute Idee herausstellte. Gerrit Hoss ist gefragt wie nie. Aktuell ist er mit alten, neuen und noch unveröffentlichten Songs auf Tournee. Im Interview mit unserer Redakteurin Kristina Röhrs verriet Gerrit Hoss, warum er ausgerechnet in München seine Liebe zum plattdeutschen Gesang entdeckte und weshalb ihn Begriffe wie „Ackerschnacker“ zur Weißglut bringen.

Herr Hoss, Ihre Lieder hört man aktuell im Radio, Sie waren im Sat.1-Frühstücksfernsehen zu sehen und zu hören und sind nun auf Tournee in Norddeutschland unterwegs. Es scheint, als hätte Ihre neue CD „Platt!“ Ihre Karriere nochmal ordentlich in Schwung gebracht. Welche Rolle spielt das Niederdeutsche bei Ihrem Erfolg?

Gerrit Hoss: Plattdeutsch spielt bei meinem Erfolg eine große Rolle, ich habe da eine Nische entdeckt – das war aber nicht der Grund, weshalb ich mein drittes Album auf Plattdeutsch eingespielt habe. Es war eine Herzensangelegenheit.

Inwiefern?

Je älter ich werde, desto konkreter wird für mich der Begriff Heimat und desto mehr besinne ich mich auf meinen Ursprung. Ich bin auf dem Land, hier in Steinburg groß geworden. Da schnackt man auch viel Platt, das hat mir schon immer gefallen. Mein Sohn (14 Monate) wächst zweisprachig auf, ich spreche mit ihm platt, meine Freundin deutsch.

Sie sind aber kein Muttersprachler...

Nein, aber ich habe zuhause viel aufgeschnappt. Den Rest habe ich mir selbst beigebracht. Meine Liebe zum Plattdeutschen habe ich aber erst Mitte 20 entdeckt – als ich in München studierte. Auf einer Party stimmte ein Gast Knut Kiesewetters plattdeutschen Hit „Fresenhof“ an. Es war furchtbar. Da habe ich ihm die Gitarre aus der Hand genommen und gesagt: „Jetzt hör man to!“ Jahrelang musste ich den Song noch auf Partys singen, die Bayern waren verrückt danach.

Und Ihre Fans?

Auch meinen Fans gefällt es. Einige, die meine Musik auch früher schon gehört haben, haben mich angesprochen und gesagt: „Das Plattdeutsche klingt irgendwie cool.“ Das freut mich natürlich sehr.

Auf Ihren ersten beiden Alben „Beim nächsten Mal“ (2010) und „Notstrom“ (2012) singen Sie aber noch Hochdeutsch, wieso sind Sie nun auf Platt umgeschwenkt?

Ich möchte damit nicht nur das plattdeutsche Publikum ansprechen, sondern verstehe mich als Botschafter des Plattdeutschen. Die Sprache hat leider immer sowas Altbackenes, da denkt man gleich an 80-jährige Shanty-Sänger. Ich möchte mit meiner Musik moderne Akzente setzen und die Leute dazu bringen, eine Affinität dazu zu entwickeln. Was ich allerdings gar nicht mag, ist die Verballhornung des Plattdeutschen. Aus dem Wort „Handy“ einen Begriff wie „Ackerschnacker“ zu machen, ist schrecklich. Dieses Gummistiefel-Image – oder wie ein NDR-Kollege es mal formulierte: „Möwenschiss-Image“ kann ich gar nicht leiden. Da ist aber auch die Plattdeutschgemeinde selbst gefordert. Leider bleibt sie noch oft unter sich, grenzt sich nach außen hin ab. Aber es gibt ja zum Glück auch viele Versuche, das Plattdeutsche zu erhalten – an Schulen beispielsweise.

Wie würden Sie Ihre Musik beschreiben?

Das ist schwer. Folk-Pop-Rock trifft es ganz gut. Aber ich mag dieses Schubladen-Denken nicht, weil man sich ja als Musiker auch weiterentwickelt.

Schreiben Sie die plattdeutschen Lieder zuerst auf Hochdeutsch und übersetzen sie dann?

Nein, das würde nicht funktionieren. Ich versuche einen Reim zu finden und schustere den Rest drum herum. Das zu übersetzen würde den Sinn verändern, nicht mehr authentisch sein.

Wie sehen Ihre Pläne aus?

Ende des Jahres kommt wieder ein neues Album, wieder auf platt. Die neuen Songs spielen wir schon bei unseren aktuellen Auftritten. Auf der Bühne entwickeln ich und meine Band die Stücke weiter bis es passt. Das geht im Studio nicht so gut. Für uns ist es zum Beispiel manchmal schwierig, das richtige Tempo für einen Song zu finden. Live pendelt sich das im wahrsten Sinne des Wortes ein. Das neue Album wird auf jeden Fall tanzbar, es wird live gut abgehen auf der Bühne. Und es sind einige Überraschungen auf der Scheibe, die man so nicht erwartet...

Sie sind viel unterwegs, pendeln, wenn Sie nicht auf Tour sind, zwischen dem Probenraum in Hamburg und ihrem Wohnsitz Münsterdorf. Wie vereinbaren sie Familie und Karriere?

Das ist schon manchmal schwierig. Wenn Du diesen Job machst, ist das Privatleben nicht gerade üppig. Gerade wenn man oft erst am frühen morgen vom Auftritt nach Hause kommt, ist das notwendige Ausschlafen nicht immer gegeben. Ich versuche eben so gut es geht, Familie und Beruf, der bei mir ja gleichzeitig Lebenselexier ist, gerecht zu werden. Mit Schlips und Kragen ins Büro mit geregelten Arbeitszeiten, Kantinen-Essen und 45 Stunden-Woche wäre für mich aber der absolute Horror.

Was wäre denn aus Ihnen geworden, wenn es mit der Musik nicht geklappt hätte?

Ich hätte gar keine Alternative gewusst. Nach dem Abitur habe ich kurz in einer Fabrik gearbeitet und erkannt, dass das einzige, was ich will, Musik machen ist. Ich war als Schüler öfter im Probenhaus auf einem alten Fabrikgelände in Kellinghusen als im Klassenraum. Zum Glück hat es mit der Musikerkarriere ja geklappt (lacht).

Zum Schluss: Drei plattdeutsche Begriffe, die man kennen muss...

Dösbaddel, Dwarslöper (Krebs) und Poggenstohl (Pilz).

Sein nächstes Konzert spielt Gerrit Hoss heute um 16 Uhr beim Binnenhafenfest Hamburg Harburg. Alle Tourtermine gibt es auf der Homepage unter gerrithoss.de

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