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Wassertemperatur im Hallenbad senken? „Wir wollen die Rentner ja nicht vertreiben“

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

shz.de von
erstellt am 19.Feb.2015 | 18:06 Uhr

Wenn es darum geht, eine Debatte zu führen, sind die Schüler der Klasse 10 der GMS Wilster schon fast richtige Profis. Um ihr Können unter Beweis zu stellen, führten sie ein Planspiel vor den Referendaren ihres WiPo-Lehrers Rainer Papke in dem Konferenzsaal der Bücherei Wilster vor. Es wurde darüber gestritten, ob neben dem Colosseum in Wilster ein Skaterpark gebaut werden soll, um Wilster attraktiver für Jugendliche, aber auch für Familien mit Kindern, zu machen. Zuvor wurden die Schüler in drei Parteien eingeteilt: die Ökologische Offensive mit fünf Mitgliedern, die Soziale Partei mit neun und die Freie Union mit zehn Mitgliedern, die auch das Konzept des Skaterparks hatte. Die Leitung dieser Debatte übernahm „der Bürgermeister“ Niklas Grünberg, der zuvor von seinen Mitschülern gewählt wurde.

Schon vor Beginn des Planspiels herrschte eine leichte Unruhe unter den Schülern, die in ihren Parteien an einem langen Tisch sitzen. Um diese Unruhe zu beenden, leitet „Bürgermeister“ Grünberg die Debatte ein, indem er alle Parteimitglieder und Zuschauer, unter denen sich auch ihr Lehrer befindet, begrüßt. Er schaltet zunächst den Overhead-Projektor ein, worauf augenblicklich eine Karte des Colosseums erscheint, neben dem sich der Platz des Skaterparks befinden soll. Grünberg bittet Mika Rüter, den Parteivorsitzenden der Freien Union, das Konzept des Skaterparks zu erklären. „Wir haben schon einen Investor gefunden, der uns bei der Finanzierung helfen würde. Allerdings müsste Wilster 500  000 Euro dazu zahlen“, sagt Rüter.

Und genau diese 500  000 Euro sind den anderen Parteien ein Dorn im Auge, da, laut dem Planspiel, Wilster zu hoch verschuldet ist. Daraufhin ruft der Bürgermeister die anderen Parteivorsitzenden auf. Erst meldet sich Sina Möller, Parteivorsitzende der Ökologischen Offensive, zu Wort. „Wir finden, dass der Bau ein zu hohes Risiko ist“, meint sie. „Nachher bleibt der gewünschte Ansturm aus und Wilster verschuldet sich noch mehr. Außerdem müssten die alten Bäume ums Colosseum gefällt werden, was unvertretbar ist.“ Auch dies beteuerte Maria Birner, die Parteivorsitzende der Sozialen Partei. Die Freie Union jedoch beharrt auf ihrem Konzept und sieht die Sache als gute Einnahmequelle und „Stadtretter“, weil die Halle im Sommer, aber auch im Winter die Kinder nach Wilster locken könnte. „Es soll so sein, dass sich im Frühling und im Sommer in der Halle ein Skaterpark befindet. Im Winter wird es zu einer Eisbahn umfunktioniert“, lautet der Plan weiter.

Von der gegnerischen Seite hört man, dass ein Konkurrenzkampf mit der Eishalle in Brokdorf ausgelöst werden könnte. „Für uns ist die Umfunktionierung zur Eishalle im Winter unnötig, da es bereits eine Eishalle in Brokdorf gibt, die gut besucht wird“, heißt es von der Sozialen Partei.

Auch der Bürgermeister meldet sich zwischendurch zu Wort und argumentiert fast schon mit den Parteimitgliedern. „Das ist meine Meinung, aber ich will ja neutral bleiben“, heißt es von ihm, worauf alle schmunzeln müssen. Als nach bereits langem Debattieren die Einsparmöglichkeiten mit ins Spiel kommen, unterbricht Niklas Grünberg das Planspiel, sodass die drei Parteien separat besprechen können, welche Einsparmöglichkeiten akzeptabel erscheinen. Die Zuschauer dürfen sich verteilen und den Parteien zuhören. Bereits nach kurzer Zeit geschieht Unvorhergesehenes: Die Fraktionsvorsitzende der Ökologischen Offensive verschwindet für einen Moment, um mit den Mitgliedern der Sozialen Partei wieder zu erscheinen. Schnell wird klar: Hier entsteht ein Bündnis gegen die Freie Union.
Die anschließende Fortsetzung der Debatte beginnt mit Lasse Kalwat von der Freien Union: „Man könnte im Kindergarten und bei der Altenpflege sparen, wie auch im Verkehrs-und Schulbereich und hier im Hallenbad“, heißt es von ihm, worauf die Ökologische Offensive beteuert, dass man da nicht sparen könne: „Besonders im Kindergarten, in der Altenpflege und im Schulbereich kann man nicht sparen, da es dort jetzt schon zu wenig Personal gibt. Außerdem ist Bildung wichtig und Schüler brauchen auch neue Materialien. „Auch im Verkehrsbereich ist es wichtig, genug Geld zu haben. Wenn es beispielsweise schneit, muss man trotzdem noch zur Arbeit kommen und ohne Räumungsdienst geht das nicht besonders gut“, meldet sich die Soziale Partei zu Wort. Als einzige Einsparmöglichkeit bliebe nur noch das Hallenbad. Wenn man dort die Temperatur um vier Grad senkt, dann könnte befürchtet werden, dass das Schwimmbad komplett zumachen muss, weil dort hauptsächlich nur ältere Menschen schwimmen gehen, die laut Aussage der Ökologischen Offensive „sehr kälteempfindlich“ sind. „Wir wollen die Rentner ja nicht vertreiben“, meint Lasse Kalwat darauf und wieder wird im Publikum gelacht.

Das Ergebnis dieser Debatte scheint zu diesem Zeitpunkt noch nicht zum Lachen zu sein, da es noch keins gibt. Doch wird nach etwa 70-minütigem Debattierens das Planspiel von Niklas Grünberg beendet, und er bittet um eine Abstimmung. Durch die geheime Koalition der beiden Oppositionsparteien wird der Bau nicht durchgeführt. Enttäuscht wendet sich darauf Klaas Steffen von der Freien Union an die Referendare und bittet um ihre Stimmen, worauf diese nur antworten: „Wir sind nur Gäste, wir haben keine Stimmen.“ Damit ist die Debatte beendet. Als später Rainer Papke nach dem Grund für das Planspiel gefragt wird, sagt er: „Schüler sollen Verständnis für Politik entwickeln. Sie sollen keine Angst mehr davor haben, in die Politik zu gehen. Das ist das Hauptziel.“ Auch Volker Mehmel, Reporter der Wilsterschen Zeitung, lobt die Schüler mit den Worten: „Wenn jede Versammlung so laufen würde, wäre ich froh.“

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