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Ausgesetztes Baby aus Hohenlockstedt : Was wird jetzt aus Findelkind Hannes?

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Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Warum die Mutter ihren Sohn in Hohenlockstedt aussetzte, bleibt unklar. Das Jugendamt entscheidet, was mit dem Baby geschieht.

Seine Mutter wollte, dass er lebt - nur nicht bei ihr. Sie setzte den neugeborenen Hannes am Montag vor der Tür eines Hauses in der Helgolandstraße in Hohenlockstedt aus. Die Öffentlichkeit rätselt, was die junge Mutter dazu bewegte, ihren neugeborenen Sohn wegzugeben. Die Polizei hatte die Frau, Anfang 20, zwar am Dienstagnachmittag ausfindig gemacht, Hintergründe zu den Beweggründen der Tat gibt es aber bisher nicht, wie Polizeisprecherin Merle Neufeld erklärte. Was wird nun aus Hannes? In der Kreisverwaltung meldeten sich gestern zahlreiche Bürger, die den Jungen bei sich aufnehmen möchten.

In den rund 30 Berufsjahren, die sie nun schon bei dem Jugendamt arbeite, habe sie bisher erst zweimal einen Findelkind-Fall erlebt, sagt Anke Marzoch, Abteilungsleiterin des allgemeinen sozialen Dienstes des Jugendamtes im Kreis Steinburg. Hannes sei nun das dritte Baby. „Eine gesetzliche Grundlage, wie man vorgeht gibt es nicht, es muss immer der Einzelfall betrachtet werden“, macht sie deutlich. „Wenn ein Kind gefunden wird, bemühen wir uns, erstmal die leibliche Mutter zu finden. Das macht die Polizei. Ich habe aber auch schon mal einen offenen Brief an eine Mutter geschrieben und gebeten, dass sie sich melden soll.“

Die Mutter meldete sich damals nicht. In einem solchen Fall kommt das Kind für höchstens drei Wochen in eine Bereitschaftspflegefamilie. In dieser Zeit wird bereits versucht, Kontakt zu festen Adoptiveltern herzustellen. Dort lebt das Kind dann ein Jahr zur Probe, bevor ein Familiengericht den neuen Eltern das Sorgerecht zuspricht.

Die Chance, dass sich die leibliche Mutter in den ersten Wochen doch noch melde, sei groß. Ob sie ihr Baby behalten darf, sei eine Einzelfallentscheidung. Die Umstände, unter denen sie das Kind ausgesetzt hat, spielen dabei eine Rolle: Hat sie das Neugeborene in Lebensgefahr gebracht – beispielsweise in eine Mülltonne geworfen oder so abgelegt, dass es sicher gefunden wird? Wie viel Zeit ist inzwischen vergangenen? Ist es dem Kind zuzumuten, es aus der Adoptivpflegefamilie zu holen oder ist die Bindung zu den Eltern schon zu stark? „Das Wohl Kindes ist dabei die oberste Richtschnur.“

Diese Frauen bräuchten manchmal Zeit, das Erlebte zu verarbeiten. „Eine normale Adoption ist erst acht Wochen nach der Geburt möglich. Das hat der Gesetzgeber so eingerichtet, weil er der emotionalen Ausnahmesituation der Mutter gerecht werden will. Vorher können Mütter, die darüber nachdenken, ihr Kind wegzugeben, die Tragweite ihrer Entscheidung noch nicht begreifen. Die Entscheidung zur Adoption ist unwiderruflich.“

Anke Marzoch weiß, dass diese Mütter oft keinen Ausweg sehen. „Sie fühlen sich nicht in der Lage, das Kind zu betreuen oder hoffen, dass es so eine Chance auf ein besseres Leben hat. Also legen sie es irgendwo ab und glauben, ihr Leben geht weiter wie bisher.“ Ein Irrtum. „Trauer und Schuldgefühle holen sie ein. Viele kommen nie darüber hinweg.“ Auch für die Findelkinder sei das schwer zu verkraften.

Damit Babys wie Hannes nicht ausgesetzt werden, müsse sich das Denken in der Gesellschaft ändern. Anke Marzoch: „Die Gesellschaft neigt dazu zu sagen: ‚Sowas tut eine Mutter nicht, sie muss ihr Kind lieben’, deshalb wagen die Frauen nicht, offen mir ihrer Entscheidung umzugehen. Man sollte vor der Entscheidung Respekt haben, wenn eine Frau erkennt, dass sie für ihr Kind nicht Mutter sein kann.“

 

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erstellt am 02.Dez.2015 | 19:12 Uhr

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