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Norddeutsche Rundschau

24. August 2017 | 05:13 Uhr

Was 2015 so alles verschwunden ist

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Geld, Gebäude, Pläne, Hallenbetreiber, Wasser, Bäume, Bollerwagen – und ein Kater, der einfach mal Zug fahren wollte

Es gibt Dinge, die vermisst man erst, wenn sie weg sind. Und über andere Sachen freut man sich, dass sie endlich verschwunden sind. So ist auch in diesem Jahr in der Region einiges abhanden gekommen – manches nur zeitweise, das meiste wohl für immer. Einiges ist aber auch wieder aufgetaucht. Die hier folgende Liste der verschwundenen Dinge ist vielleicht nicht ganz vollständig. Aber vieles davon wird in Erinnerung bleiben. Zum Beispiel die Gemeinschaftsschule in Krempe. Nach vergeblichem Kampf um den Erhalt wurde der letzte Jahrgang verabschiedet. Es gab zuletzt einfach nicht mehr genug Schüler. Verschwunden ist deshalb auch die Buslinie 9 – zumindest bis nach Krempe. Mit den Schülern waren auch die Fahrgäste abhanden gekommen.

Von der Bildfläche verschwunden ist auch der Betreiber der Horster Elbmarschenhalle. Er musste Insolvenz anmelden. Glück im Unglück: Viele Veranstaltungen wie auch die großen Abi-Bälle im nächsten Jahr können unter neuer Hallen-Regie dennoch stattfinden. Nur die regelmäßigen Partys zum Beispiel für alle über 30 gab es nicht mehr. Hier freuen sich bestimmt andere Veranstalter.

Schlimm wird es, wenn die Feuerwehr wenig Wasser zum Löschen hat. In der Wilstermarsch stand ein abgelegener Hof in Flammen. Die Helfer mussten 700 Meter Schlauch bis zur nächsten Wasserstelle legen. Zum Glück war der Hof unbewohnt.

Unwiederbringlich verschwunden – zumindest an dieser Stelle – sind drei Hektar Wald. Sie mussten einer Baumaßnahme am Itzehoer Klinikum weichen. Ohnehin wird in dieser Aufstellung in der Kreisstadt nicht gekleckert, sondern geklotzt. Auf dem Gelände der einstigen Großdruckerei Prinovis ließen Bagger ein vertrautes Bild verschwinden. Und für den überregionalen Verkehr wurde ein jahrelanger Engpass geräumt. Mit dem Verschwinden von Baufahrzeugen hatten Autofahrer beim Überqueren der Stör endlich freie Fahrt – jetzt sogar auf zwei Spuren. Es geht aber auch eine Nummer kleiner: In der Innenstadt verschwand mit Eis-Casal in der Feldschmiede ein Traditionsname aus dem Stadtbild. Das Gebäude von Eis-Casal steht an dieser Stelle symbolhaft auch für so manches Geschäft, das zum Teil nach vielen Jahren für immer die Türen geschlossen hat. Dazu gehört übrigens auch die Glückstädter Filiale der Hypo-Vereinsbank. Wenn das mal nicht der Auftakt für ein von vielen prognostiziertes Filialsterben von Dienstleistern ist. Noch gilt aber zumindest für die Unternehmen aus der Region das klare und eindeutige Bekenntnis zum Erhalt der Angebote in der Fläche.

Nicht verschwunden ist das tausendfache ehrenamtliche Engagement, auch wenn manche Vereine und Verbände über Mangel an Nachwuchs klagen. Und daher wird auch in diesem Jahr wieder so manche lieb gewonnene Institution in der heimatgeschichtlichen Versenkung verschwinden. Stellvertretend für alle sei an dieser Stelle die Liedertafel in Wilster genannt. Nach 173 Jahren verstummt die Sängerrunde für immer. Es waren einfach nicht mehr genug Mitstreiter da.

Und dann ist noch etwas verschwunden, was eigentlich so recht noch gar nicht da war: Die Pläne für einen möglichen Kreishaus-Neubau auf dem Alsen-Gelände liegen jetzt nur noch irgendwo ganz tief unten in einer Amts-Schublade.

Bereits prägend für ein Stadtbild – in diesem Fall das von Glückstadt – war hingegen der bunt bemalte Kaolin-Bunker am Hafen. Der Bau auf dem Gelände des Unternehmens Steinbeis wurde im Februar abgerissen. Apropos Glückstadt: Die Stadt an der Elbe hat jetzt auch keine Wasserschutzpolizei mehr. Die Dienststelle wurde zum 1. Oktober aufgelöst.

Richtig ernst hingegen wird es, wenn Rücklagen einfach so verschwinden, weil Milch und Milchprodukte viel zu billig verkauft werden. Die Not vieler Landwirte zog sich wie ein roter Faden durch das Jahr. Und sie lässt sich auch in konkreten Zahlen ausdrücken: Nico Hellerich vom Bauernverband bezifferte die jährliche Unterdeckung bei der Milchproduktion je nach Betrieb auf 30  000 bis 60  000 Euro. Nicht nur seine Befürchtung: Jeder fünfte Betrieb werde das nicht überleben. Schon in diesem Jahr ist so mancher alteingesessener Familienbetrieb unwiederbringlich verschwunden.

Wenig tröstlich für die Bauern, aber nicht minder ärgerlich: In Wilster ist in diesem Jahr Geld verschwunden, weil man kein Geld ausgeben darf. Klingt paradox  ? Ist aber die Folge eines für Normalbürger und Steuerzahler kaum zu verstehenden Phänomens. So wurden für das notorisch arme Wilster Anfang des Jahres erhebliche Städtebauförderungsmittel bereitgestellt – unter anderem für eine nachhaltige Modernisierung von Sportstätten. Das Geld liegt beim Land auf Halde. Weil aber noch immer der Zuwendungsbescheid fehlt, muss Wilster dafür zigtausend Euro an Bereitstellungszinsen bezahlen. Mit anderen Worten: Dieses Geld ist einfach weg.

Eher banal klingen da andere verschwundene Dinge, die aber sehr persönliche Betroffenheiten auslösten. Zum Beispiel ein in Glückstadt gestohlener Bollerwagen oder das in Wilster geklaute Fahrrad eines Flüchtlings, der dank dieser Spende ein Mittel zur schnelleren Fortbewegung gefunden hatte. Schnell weg wollte schließlich auch ein Kater aus Krempe. Das Schmusetier stieg am Bahn einfach so in den Zug. In Glückstadt musste der blinde Passagier wieder raus. Man sieht: Manches taucht unvermittelt auch wieder auf.

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erstellt am 29.Dez.2015 | 00:34 Uhr

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