Bissfest : Warum Glückstadt den Matjes feiert

Foto aus der Ausstellung „Die Männer und das Meer“: Ende der 1950er-Jahre posieren Matrosen auf dem Logger „Hödur“.
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Foto aus der Ausstellung „Die Männer und das Meer“: Ende der 1950er-Jahre posieren Matrosen auf dem Logger „Hödur“.

Zum 47. Mal werden nächste Woche die Matjeswochen eröffnet. Der erste Biss ist ein Überbleibsel aus dem Gründungsjahr 1968.

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06. Juni 2014, 04:45 Uhr

Musik am Hafen und auf dem Marktplatz, Flohmarkt, Open-Ship-Meile, Spiel- und Spaßprogramm – das Angebot bei den bevorstehenden Matjeswochen ist bunt. Bei der Vielfalt übersieht der heutige Besucher leicht, warum dieses Fest mit fast 50-jähriger Geschichte in Glückstadt gefeiert wird. Anlass zu den Matjeswochen geben zum einen die Heringsfischerei, die Glückstadt lange geprägt hat, und zum anderen ein rühriger Bürgermeister der Stadt, der in den 60er-Jahren beschloss, den Matjes gebührend zu feiern.

Es handelt sich um Dr. Manfred Bruhn,der am 13. Juni 1968 die ersten Matjeswochen ins Leben rief. Eine Werbekampagne und Vorbereitungen der örtlichen Gastwirte waren vorausgegangen, die schmackhafte Matjes-Gerichte auf ihre Speisekarten setzten – das berichtet der Archivar Dr. Gerhard Köhn in seinem Buch „Seegekehlt und Seegesalzen“. Im Hinterkopf hatte Dr. Bruhn auch damals schon den touristischen Gedanken: „Der Bürgermeister hofft, auf diese originelle Weise die Stadt ins Gespräch zu bringen.“

Ein Überbleibsel dieser ersten Matjeswochen, die übrigens bis in den Juli hinein dauerten, ist der Matjes-Anbiss auf dem Marktplatz. Damals fand er noch im Hafen statt, wo die Heringsfischer mit frischen Matjes an Bord anlandeten. Den ersten Biss in den Fisch machte – damals wie heute – ein Mitglied der Landesregierung. Bei den ersten Matjeswochen war Landwirtschaftsminister Ernst Engelbrecht-Greve zu Gast. „Das schmeckt aber sehr gut“, soll sein „fachmännisches Urteil“ laut einem Bericht der Glückstädter Fortuna gelautet haben.

Ganz reibungslos lief das Matjes-Fest 1968 jedoch nicht ab. Besucher beschwerten sich über die hohen Preise der Matjes-Gerichte, die teilweise über sechs Mark betrugen, obwohl ein Filet im Einkauf nur 40 Pfennig kostete. Köhn schreibt, dass viele Gäste das Plakat „Willkommen zur Matjesprobe“ missverstanden hatten: „Mit dem Wort ‚Probe‘ verbanden sie die Vorstellung, es gäbe etwas umsonst.“ Dennoch wurde die Veranstaltung im folgenden Jahr – mit veränderten Plakaten – wiederholt und etablierte sich in Glückstadt zu einem festen Ereignis.

Die Heringsfischerei, der Glückstadt überhaupt erst den Matjes zu verdanken hat, war unterdessen auf dem absteigenden Ast. Ein übersättigter Markt und eine nun freie Wirtschaft machten der bisher staatlich subventionierten Industrie zu schaffen, wie Köhn in seinem Buch feststellt. Schon ein Jahr später, 1969, musste die Glückstädter Heringsfischerei Konkurs anmelden und konnte nur durch das finanzielle Engagement eines Kölner Kaufmanns bis 1976 weitergeführt werden.

In die Geschichte der Heringsfischerei, die bis in das Jahr 1893 zurückreicht, taucht der langjährige Stadtführer Werner Gosau (81) ein, wenn er am Eröffnungstag der diesjährigen Matjeswochen durch das Detlefsen-Museum führt. Unter der Fragestellung „Warum feiern wir die Glückstädter Matjeswochen?“ nimmt er die Gäste mit in die Welt der Seeleute, der Herings-Logger und des Meeres. „Für Glückstadt war die Gründung einer Heringsfischerei ein großes Ereignis“, kommentiert Gosau die Geschehnisse im Oktober 1893. Damals hatten mehrere angesehene Glückstädter Bürger eine Aktiengesellschaft ins Leben gerufen. Schon im Jahr darauf stachen die ersten vier Logger – damals hölzerne Segelschiffe – in See, um in der Nordsee zwischen deutschen, niederländischen und englischen Küsten auf Herings-Fang zu gehen.

Etwa 14 bis 15 Leute seien damals an Board der Schiffe gewesen, weiß Werner Gosau. Es herrschte große Enge und die Arbeit war hart: Allein das Auswerfen und Einholen der über drei Kilometer langen Netze muss ein Kraftakt gewesen sein. Noch an Board wurde den Heringen die Kehle aufgeschnitten und sie wurden gesalzen und eingelegt – und das alles für einen Hungerlohn. „Die Lebensverhältnisse damals waren katastrophal“, sagt Werner Gosau.

Einen Eindruck von jungen Männern an Bord mit harten Gesichtern und Gummischürzen, von Packern und Netzstrickerinnen und gigantischen Bergen von Fässern auf der Pier im Glückstädter Hafen vermittelt die Ausstellung im Detlefsen-Museum „Die Männer und das Meer“, die Gosau bei seiner Führung auch besuchen wird. Zu sehen sind Fotos aus dem Nachlass von Dr. Gerhard Köhn, die 120 Jahre Heringsfischerei und damit Glückstädter Stadtgeschichte dokumentieren. „Aus Hunderten von Fotografien präsentieren wir historisch bedeutsame, zum Teil künstlerisch sehr anspruchsvolle Aufnahmen“, sagt Museums-Leiterin Dr. Catharina Berents, die stolz ist, die Ausstellung noch bis zum Ende der Matjeswochen zeigen zu können.

Das Volksfest bietet also nicht nur genügend Gelegenheit zum Bummeln, Klönen und Vergnügen, sondern auch der Vergangenheit und dem Phänomen Glückstädter Matjes auf den Grund zu gehen. Übrigens, Köhn bemerkt in seinem Buch, dass der Matjes, der heute angeboten wird, eigentlich gar nicht mehr Matjes heißen dürfe. Denn nach strenger Definition müsse Matjes noch auf See gekehlt und gesalzen werden. Heute werden die gefangenen Heringe schockgefroren und an Land verarbeitet. Ob ihnen das den Namen Matjes streitig macht – darüber dürften die Meinungen auseinander gehen.

>Führung: „Warum feiern wir die Glückstädter Matjeswochen?“, Detlefsen-Museum, Donnerstag, 12. Juni, 15.30 Uhr >Ausstellung „Die Männer und das Meer“, Detlefsen-Museum, bis 15. Juni, Mi 14-18 Uhr , Do-Sa 14-18 Uhr, So 14-17 Uhr

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