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Norddeutsche Rundschau

16. Dezember 2017 | 23:49 Uhr

Wilster-Au : Wanne mit immer weniger Tiefgang

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Der Förderverein Wilster-Au und Schleuse sagt zunehmender Verschlickung den Kampf an. Segler warnen vor erheblichen wirtschaftlichen Einbußen

shz.de von
erstellt am 16.Apr.2015 | 04:45 Uhr

Aus der einstigen Lebensader für die Wilstermarsch ist praktisch ein stehendes Gewässer geworden. Zu dieser Einschätzung kommt Torsten Boysen vom Ministerium für Energiewende, Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume. Bei der Jahresversammlung des Fördervereins Wilster-Au und Schleuse verglich der Sprecher den Fluss mit einer Badewanne. Die Sohle habe eigentlich gar kein Gefälle mehr, ab Höhe Vaalermoor gebe es sogar ein Gegengefälle. Eine der Ursachen: Die massive Verschlickung der Wilster-Au. Vor ihr hatte schon der vor wenigen Wochen verstorbene Fördervereins-Ehrenvorsitzende Willi Gilde gewarnt: „Wir dürfen die Verschlickung nicht aus den Augen verlieren“, so sein Vermächtnis. Entsprechend steht das Thema auch ganz oben auf der Sorgenliste der aktuell 88 Mitglieder des Fördervereins, der – so umschrieb es Amtsvorsteher Helmut Sievers – seine Hauptaufgabe in der Bündelung von Interessen sieht.

Eine Interessengruppe sind die Segler. Ein Vertreter der Seglervereinigung Itzehoe wies mit Nachdruck daraufhin, dass es an der Stör rund 1200 aktive Wassersportler gebe. Diese stellten nicht zuletzt einen erheblichen Wirtschaftsfaktor da. Wenn aber bald nicht einmal mehr die Paddler auf der Wilster-Au vorankämen, blieben auch die Gäste aus.

Vereinschef Reinhard Bunge machte denn auch in seinem Jahresbericht unmissverständlich klar, dass der Kampf gegen die Verschlickung Hauptthema war und bleibe. „Die Ablagerungen haben in den vergangenen Jahren immer mehr zugenommen“, fasste er Beobachtungen von vielen Seiten zusammen. Aus der Runde kam der Hinweis, dass die Wassertiefe an einigen Stellen und zu bestimmten Zeiten gerade mal noch einen halben Meter betrage. Bunge: „Gleichzeitig beobachten wir immer mehr Wasserpflanzen.“

Wie es um die Gewässertiefe genau bestellt ist, wissen auch die zuständigen Behörden nicht. Laut Boysen werden die Profile eigentlich alle zehn Jahre vermessen. Auf kompletter Länge – die Wilster-Au schlängelt sich auf 19 Kilometern durch die Marsch – sei dies zuletzt im Jahr 2000 geschehen. Boysen betonte allerdings, dass das Land zwar nach wie vor für die Unterhaltung der Gewässer zuständig und verantwortlich sei. Der Erhalt der Ausbauprofile gehöre aber schon seit 1991 nicht mehr zum Aufgabenkatalog. Aus hydraulischer Sicht, so stellte er fest, reichten die Unterhaltungsmaßnahmen aus. Jährlich 113  000 Euro werden dafür aufgewendet. Nicht dazu gehöre aber „die schadlose Beherrschung von Hochwasserabflüssen“. Im Zweifel müsse man hinnehmen, dass Niederungsbereiche überflutet werden.

Nach Einschätzung des Wilsteraner Gewässer-Historikers Hans-Peter Micheel begann der Niedergang der Wilster-Au mit dem Bau des Nord-Ostsee-Kanals. Seitdem gebe es keinen Quellfluss mehr. Parallel dazu spielt auch der gewerbliche Schiffsverkehr praktisch keine Rolle mehr. Behördenvertreter ließen dabei auch durchblicken, dass die Bereitstellung optimal nutzbarer Gewässer für Freizeitskipper nicht zwingend eine öffentliche Aufgabe sei. Das Land würde die Wilster-Au ohnehin am liebsten von ihrer Tätigkeitsliste streichen. Torsten Boysen formulierte es so: „Langfristig wollen wir die regionale Verantwortung stärken.“ Sein Vorschlag: erst die Sanierung der Schleuse, dann eine Neuregelung der Entwässerungsverhältnisse und schließlich eine Übertragung der Aufgaben.

Zuständig wäre dann wohl der Deich- und Hauptsielverband. Dessen Vorsitzender Klaus-Peter Krey machte deutlich, dass auch die Marsch in Sachen Wasserhaushalt vor größten Herausforderungen steht. „Schon jetzt spüren wir den Klimawandel in kleinen Schritten. Das wird sich ab 2050 noch einmal deutlich verändern.“ Der Verband ist dafür verantwortlich, dass die zum Teil unter dem Meeresspiegel lebenden Marschbewohner keine nassen Füße bekommen. Krey: „Bei ungünstigen Witterungsverhältnissen werden wir das Wasser in Kasenort einfach nicht mehr los.“ Dazu Helmut Sievers: „Bei viel Wasser wie im vergangenen Herbst sollte man zur Entlastung vielleicht vorab mehr Wasser in den Kanal pumpen.“ Für Reinhard Speck von der Steinburger Wasserbehörde nicht der einzige Handlungsbedarf: „Die Elbvertiefung macht uns Kummer. Einige Ausgleichsflächen liegen mitten in Überschwemmungsgebieten.“ Er warf die Frage auf, ob die Marsch ein völlig neues wasserwirtschaftliches Konzept brauche. Für Otto Andresen hingegen wäre die Lösung ganz einfach: „Ausbaggern, fertig.“ Dann gebe es weniger Probleme bei der Nutzung und auch beim Abfluss von Wassermengen. Reinhard Bunge weiß: „Das ist immer eine Frage der Kosten und eine Frage, wohin mit dem Schlick.“ Sein dringender Wunsch: Wenigstens bis zum Brook müsse die Wilster-Au für den Schiffsverkehr zugänglich sein. Verblüfft nahm der Förderverein zur Kenntnis, dass die Burger Au in diesem Winter auf einer Länge von sechs Kilometern massiv ausgebaggert worden sei. Klaus-Peter Krey kündigte auf Nachfrage an: „Wir müssten wir uns in großer Runde mal zusammensetzen.“

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