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Norddeutsche Rundschau

17. Dezember 2017 | 00:08 Uhr

Wählen mit Handicap – geht das?

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Ob mit einer Behinderung oder ohne – alle müssen am 25. Mai bei der Europawahl ihre Stimme abgeben können

shz.de von
erstellt am 16.Mai.2014 | 09:01 Uhr

Ein Kreuz auf einem Wahlbogen setzen – eigentlich kein Problem. Aber mit nur 30 Prozent der vollen Sehkraft, scheint diese Aufgabe fast unmöglich zu sein. Im Selbsttest mit einer speziellen Brille hat Annelie Heydorn, Vorsitzende des Sozialverband VdK Itzehoe, sich in die Lage eines sehbehinderten Wählers hineinversetzt. Mit Hilfe von Karl Friedrich Steltmann, Günter Seligmann und Marita Brunswik hat sie es hinbekommen ein Kreuz zu setzen – mit Blick auf die Europawahl am 25. Mai.

Annelie Heydorn ist zu 100 Prozent Körperbehindert. Zusammen mit anderen Betroffenen, die ein Handicap mit sich tragen, setzt sie sich für barrierefreie Wahllokale ein und möchte auf die vielfältigen Probleme aufmerksam machen, die sich Menschen mit Behinderung bei der einfachen Aufgabe, ein Kreuz zu setzen, stellen müssen.

Je nach Behinderung seien verschiedene Schwierigkeiten zu berücksichtigen. Günter Seligmann, der selbst an Multipler Sklerose erkrankt ist, erzählt von einem Verlust der Sensibilität in den Händen bei MS-Patienten, wodurch das Schreiben teilweise unmöglich werde.

Für Menschen mit einer körperlichen Behinderung wie zum Beispiel bei Marita Brunswik mit ihrem Rollator stelle bereits eine Türschwelle von 5 Zentimetern ein Hindernis da. „In den Lokalen muss auch mehr Platz geschafft werden damit sich Menschen mit Behinderung frei bewegen können“, so Annelie Heydorn, die aus eigener Erfahrung den Platzbedarf beim Rangieren mit dem Rollstuhl kennt.

„Viele gehen nicht zur Wahl, weil sie Angst haben im Wahllokal nicht zurecht zu kommen“, glaubt auch Günter Seligmann. Denn längst seien nicht alle Wahllokale im Kreis Steinburg in diesem Sinne barrierefrei. Dies bestätigt auch Sigrid Schulz, die im Kreis Steinburg als stellvertretende Kreiswahlleiterin für die Organisation der Europawahl zuständig ist. „Man kann es nicht immer so einrichten. Wir versuchen es überall.“ , erklärt sie gegenüber unserer Zeitung.

Barrierefreie Wahllokale seien mit einem Hinweis auf den Wahlbenachrichtigungen gekennzeichnet. Den kleinen Hinweis „barrierefrei“ verzeichnet Marita Brunswik, Ehrenamtliche Kontaktstelle für soziale Dienste, als ersten Erfolg: „Als ich die Wahlbenachrichtigung bekam, habe ich mich richtig gefreut“, strahlt sie und hält ihre Einladung zur Europawahl in der Gastwirtschaft „Zum kühlen Grunde“ in Hohenlockstedt in die Höhe. Auf der Wahlbenachrichtigung ist eine Telefonnummer der Gemeindebehörde angegeben, die über die Gegebenheiten vor Ort Auskunft geben kann. Bei einer Unsicherheit darüber, ob das eigene Wahllokal barrierefrei sei, könne man sich dort informieren, äußert Sigrid Schulz und weiter: „ In der Stadt Itzehoe sind alle 16 Wahllokale barrierefrei“.

Menschen mit Handicap, die in ihrem zugeordneten Wahllokal nicht ohne Hürden wählen können, empfiehlt sie die Briefwahl. Außerdem bestehe die Möglichkeit einen sogenannten „isolierten Wahlschein“ zu beantragen und damit in einem anderen, barrierefrei zugänglichen Wahlraum im Wahlkreis wählen zu gehen, so Schulz.

Doch bei unregelmäßigen Busfahrzeiten am Wahlsonntag sieht die Initiativgruppe schon in dem längeren Anfahrtsweg zum passenden Wahllokal eine Hürde. Die Initiativgruppe hofft nun, dass die Erfahrung der Betroffenen bei der Auswahl oder der Verbesserung zukünftiger Wahllokale mehr mit einbezogen würde. „Es ist oft ganz wenig, was getan werden muss“, betont Annelie Heydorn und denkt dabei beispielsweise an den Einsatz einfacher Rampen oder an die Verwendung normal hoher Tische. Kein Rollstuhlfahrer könne unter den Tisch eines Erstklässlers fahren.

Karl Friedrich Steltmann vom Deutschen Blinden- und Sehbehinderten Verein wünscht sich die Ausstattung aller Wahllokale mit mindestens einer Blindenschablone. „Diese Schablone ist ein aufklappbarer Bogen in den man den Wahlschein einlegt und in vorgestanzten Löchern an der richtigen Stelle das Kreuz setzen kann“, erklärt er. Bislang müsse sich jeder Sehbehinderte selbst um so ein Hilfsmittel bemühen.

Mit ihren Beispielen betonen die Mitglieder der Initiative die Notwendigkeit, sich in die unterschiedlichen Bedürfnisse der behinderter Menschen hineinzuversetzen. Die Gruppe geht selbst mit gutem Beispiel voran: „Mit blinden und sehbehinderten Menschen habe ich mich vorher noch nicht auseinandergesetzt“, erklärt Annelie Heydorn. Jetzt sieht sie die Wahl durch die Blindenbrille – alles erscheint verschwommen, so dass sie selbst auf einem großen weißen Blatt Papier nur schwer einen geraden Strich ziehen kann.

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