Autodiebstahl in SH : VW-Bus geklaut: Nicht mal der Hund bemerkte den Täter

Vom eigenen Grundstück wurde ihr der VW-Bulli gestohlen: Direkt vor ihrem Schlafzimmerfenster (hinten rechts) hatte Barbara Budke den Wagen geparkt.
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Vom eigenen Grundstück wurde ihr der VW-Bulli gestohlen: Direkt vor ihrem Schlafzimmerfenster (hinten rechts) hatte Barbara Budke den Wagen geparkt.

Wie schnell das bei Dieben im Norden beliebteste Fahrzeugmodell verschwindet: Allein in Eckernförde kamen in einem Monat drei VW-Busse abhanden

shz.de von
06. Juli 2015, 18:41 Uhr

Eckernförde | Es war kein Albtraum, es war Wirklichkeit: Als Barbara Budke morgens um 4 Uhr von einem Geräusch aus dem Schlaf gerissen wurde, war ihr VW-Bulli schon verschwunden. Zuerst traute sie ihren Augen nicht, ihr Mann glaubte anfangs noch an einen Scherz. Doch ein Kontrollgang rund um das Grundstück in einem Wohngebiet am Rande von Eckernförde bestätigte den beiden: Das Familienauto war spurlos verschwunden.

Sofort verständigte das Ehepaar die Polizei. Inzwischen war eine Nachbarin zu den beiden geeilt: Weil sie keinen Schlaf gefunden hatte, hatte sie am Fenster gestanden und beobachtet, wie ein Mann mit einer roten Jacke das Grundstück der Budkes betreten hatte. Nur wenige Minuten später sei er mit dem türkisen T4-Multivan, Baujahr 2001, davongefahren. Für Barbara Budke steht deshalb fest: „Es muss ein Profi gewesen sein.“ Nicht einmal ihr Hund habe den Täter bemerkt.

Bei dem Diebstahl handelte es sich nicht um einen Einzelfall: Zwischen Ende Mai und Ende Juni seien insgesamt drei T4-Bullis in Eckernförde abhanden gekommen, teilt die Polizeidirektion Neumünster auf Anfrage unserer Zeitung mit. Alle verschwanden über Nacht, zwei vom Privatgrundstück, einer von einem öffentlichen Parkplatz. Hinweise auf die Täter gibt es keine. „Vermutlich handelt es sich auch hier um osteuropäische Banden, und die Autos sind längst außer Landes geschafft“, kann Polizei-Sprecher Rainer Wetzel nur spekulieren.

Das Vorgehen der Täter war jedenfalls typisch: Im Schutz der Dunkelheit brechen sie die Autos auf und knacken in Windeseile mechanische und elektronische Wegfahrsperren, wie das Landeskriminalamt aus seinen Ermittlungen weiß. Serien innerhalb einer Region sind keine Seltenheit: In vielen Fällen würden sich ausländische Tätergruppen so genannter Residentien bedienen: Komplizen würden sich in der Nähe der Tatorte niederlassen und den Tätern Unterkunft, Verpflegung und logistische Unterstützung gewähren, wenn sie zuschlagen. In der Regel würden die Tatorte lange vor dem Diebstahl beobachtet.

Auch wenn Wegfahrsperren und andere Sicherungen häufig von Tätern überlistet werden, gilt: „Je mehr Sicherheitsmaßnahmen ergriffen werden, desto schwerer macht man es den Dieben“, so Heike Bredfeldt-Lüth vom Landeskriminalamt. Der beste Diebstahlschutz sei eine Garage. „Ein Auto, das man nicht sieht, wird auch nicht zum begehrten Objekt.“ Ist keine Garage vorhanden, sollte ein gut einsehbarer, belebter und nachts beleuchteter Bereich zum Parken genutzt werden. Die Sicherungsfunktionen eines Autos sollten so weit wie möglich ausgenutzt werden: Lenkradschloss einrasten lassen, Fahrzeug abschließen und – wenn vorhanden – Diebstahlwarnanlage einschalten. Dokumente und Ersatzschlüssel gehören nicht ins Auto: „Diebe profitieren oft von günstigen Gelegenheiten wie einem im Auto versteckten Ersatzschlüssel oder dort deponierten Fahrzeugpapieren.“ Auch in der Wohnung sollten Schlüssel nicht offen liegen bleiben, sondern möglichst an einem sicheren Ort verstaut werden. Denn: Gelegentlich brechen die Täter in die Wohnungen ein, ergattern die Autoschlüssel und fahren in aller Seelenruhe davon.

Für Barbara Budke steht fest: „Definitiv werden wir ein Auto mit einer elektronischen Wegfahrsperre kaufen und einen Klapp-Poller in der Einfahrt installieren.“ Ein kleiner Trost ist, dass sie eine Teilkasko für ihren VW-Bulli abgeschlossen hatte. Doch die Versicherung erstatte zum einen nur den Zeitwert des Autos und könne erst Recht nicht den immateriellen Wert ersetzen.

Hintergrund: Fahrzeugdiebstahl in Schleswig-Holstein

VW-Fahrzeuge sind die begehrteste Beute von Autodieben in Schleswig-Holstein, am beliebtesten sind die Busmodelle T4 und T5, wie das Landeskriminalamt auf Anfrage unserer Zeitung mitteilte. Allein in Eckernförde wurden im Juni drei T4-Multivans gestohlen. Auf Platz zwei und drei der Liste der meistgeklauten Marken stehen BMW und Audi.

Laut Sprecherin Heike Bredfeldt-Lüth sei dieses Ranking nicht überraschend: „Fahrzeuge deutscher Hersteller haben in den Zielländern einen guten Ruf.“ Insbesondere VW gelte „als Produzent von zuverlässigen und im Unterhalt günstigen Fahrzeugen“. Audi habe in den letzten Jahren anscheinend aufgeholt, da erst seit einiger Zeit verstärkt Diebstähle dieser Marke zu beobachten sind. Den guten Ruf der deutschen Autos  wissen offenbar nicht nur ehrliche Kunden des Autoherstellers, sondern auch Kriminelle zu schätzen.

Häufig schlagen die Diebe auch bei großen, geländegängigen Fahrzeugen zu: VW-Touareg und die BMW-Geländewagen X5 und X6 sowie der Audi Q7 stehen ganz oben auf der Liste gestohlener Autos. In Ländern mit schlechten Straßenverhältnissen lassen sich VW-Busse und SUVs anscheinend am besten verkaufen: Denn die Hauptabsatzmärkte  für hierzulande gestohlene Autos liegen nach Angaben der Polizei in Osteuropa, in Ländern wie Kasachstan, Usbekistan oder Turkmenistan.

Diebstahl-Brennpunkt ist der Hamburger Speckgürtel: Nach den aktuellsten Zahlen aus dem Jahr 2014 wurde fast ein Drittel aller in Schleswig-Holstein gestohlenen Autos in den Kreisen Stormarn und Herzogtum Lauenburg entwendet. „Die Fallzahlen steigen mit der Nähe zu Hamburg“, sagt die LKA-Sprecherin. „Eine mögliche Erklärung ist die  insbesondere für osteuropäische Tätergruppen günstige Verkehrslage. Die Täter benötigen vielfältige Tatgelegenheiten und schnelle Rückzugsmöglichkeiten. Beide Voraussetzungen sind hier gegeben.“

Je schneller der Dieb den gestohlenen Wagen außer Landes bringen könne, desto geringer sei die Chance, dass er gefasst werde. In der Regel verließen die gestohlenen Fahrzeuge die Bundesrepublik noch in der Tatnacht, meist in Richtung Polen. Dementsprechend schwierig ist die Aufklärung der Diebstähle: In weniger als einem Drittel der Fälle (27,7 Prozent) kann die Polizei die Tatverdächtigen ermitteln. Im Kreis Stormarn werden sogar nur knapp 18 Prozent aller Auto-Diebstähle aufgeklärt.

Insgesamt bewegt sich Schleswig-Holstein mit 1120 geklauten Autos im Jahr 2014 bundesweit im Mittelfeld. Gemessen an der Gesamtzahl zugelassener Pkws werden mit Abstand die meisten Kraftfahrzeuge  in Berlin gestohlen, die wenigsten in Baden-Württemberg und Bayern.

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