zur Navigation springen
Norddeutsche Rundschau

18. Dezember 2017 | 23:55 Uhr

Vorbeischlängeln an der Kunst

vom

Matthäus Thoma präsentiert im Kunsthaus Objekte aus Lattenholz/ Susanne Jung zeigt Farbabstufungen

shz.de von
erstellt am 22.Mai.2013 | 03:59 Uhr

Glückstadt | Die Holzgebilde aus ungehobelten Latten von Matthäus Thoma sind raumgreifend und für die Betrachter sinnlich erfahrbar. Sie schlängeln sich zwischen ihnen hindurch, um von einem Ausstellungssaal im Palais für aktuelle Kunst (PAK) in den nächsten zu gelangen. Die meisten Besucher rütteln auch an den stabilen Bauten, die durch ihre organischen Formen eher fragil erscheinen. Sind es zwei Helme? Zwei Schiffsbuge vor der Havarie? Die Assoziationen sind vielfältig. "Das Vorbeizwängen ist Absicht", erläuterte PAK-Kuratorin Claire Marie Rose. Auch der Handwerkergeist wird angesprochen: Einfach so darauf loszubauen, kann sich kaum einer vorstellen, so geschlossen und kompakt wirkt das Ergebnis. Aber nach einem detaillierten Lattungsplan sieht das mit unzähligen Spaxschrauben gehaltene Gebilde auch nicht aus. Die stabile Unterkonstruktion, die er nach der Raumbesichtigung entwickle, sei der Ausgangspunkt, berichtete der Künstler selbst. Die Lattung wachse dann tatsächlich während des Aufbaus in den Raum, zumal er das Holz unterschiedlicher Stärke selbst auch erst vor Ort sehe. Als "Komplexitätsmaximierung mit Überlänge, Verschlingung und Undurchsichtigkeit" werden Thomas Arbeiten von Kunsthistorikern eingeordnet.

Und da die Eroberung und Erfahrbarkeit von Räumen sein Metier sind, begann Thomas Arbeit ursprünglich schon vor dem Palais: Mit einer großen kokonartigen Wucherung am Treppengeländer, mit einem Sog an Holzlatten schon vor dem Renaissancegebäude, lockte er die Besucher in die Eröffnung der Ausstellung. Aus Feuerschutzgründen wurde dieser "Eyecatcher" nach wenigen Tagen wieder entfernt (wir berichteten). Nur Fotos zeugen noch davon. Doch die Formattraktivität der Thomaschen Bauten zeigte sich schon in den ersten Gesprächen der Besucher vor dem Haus, die sich seine Formen auch gern als Gartenskulpturen vorstellten. Die großen Namen der Ausstellungsstätten bezeugen den Geheimtipp, den das PAK mit diesem Künstler auf Vermittlung von Kunsterzieher Vincent Schubarth (Detlefsengymnasium) nach Glückstadt holte.

Die ortsspezifische Bild- beziehungsweise Holzhauerei von Thoma wird nach der Ausstellung, die bis 16. Juni läuft, wieder zerlegt. Seine kleinen Arbeiten auf Papier und die Reliefcollagen, die ebenfalls zu sehen sind, zeugen mit ihrem balkonartigen Holzgeländer oder anderen Mini-Holzvorbauten davon, dass er kein Bildhauer im klassischen Sinn ist, aber mit Holz das ideale Material gefunden hat, um mit Räumen umzugehen.

Matthäus Thoma teilt sich die Ausstellungsstätte mit der ebenfalls aus Bayern stammenden Berliner Künstlerin Susanne Jung. Während man bei ihm die Räume sinnlich erfährt, taucht man bei ihr mental in Farbräume ein. Auf den ersten Blick fast monochrom wirkende Tafelbilder ohne jegliche Pinselspuren offenbaren auf den zweiten durch ihre sparsamsten Farbabstufungen Susanne Jungs Anliegen: Sie rahmt ihre Bilder nicht, wie die farbig abgesetzten Ränder vermuten lassen könnten, sondern "lässt die Flächen nach innen wachsen", wie sie selbst sagt. So offenbaren sich beispielsweise vier unscheinbare graue Felder nach und nach als ein Spiel mit Graustufen in den schillerndsten Ausprägungen. "Ich finde, der Ausstellung ist auch ein sakrales Moment zu eigen", stellte Claire Marie Rose fest, hallenartige Bauten wirkten wie eine Kirche, vor den Bildern stehe man andächtig meditierend wie vor einem Altar. Die Kunsthistorikerin verwies angesichts der Positionen von Thoma und Jung auf den Wettstreit zwischen Malerei und Skulptur, der seit Mitte des 16. Jahrhunderts unter dem Stichwort Paragone bekannt sei. Während die Malerei illusionistische Möglichkeiten als ihre besonderen Eigenschaften aufweise, habe die Bildhauerei mehrdimensionale und haptische Möglichkeiten. Die Architektur sei das ästhetische Bindeglied zwischen beiden, die heute doch eher als Schwestern angesehen werden. Im Palais belege jede Position eine Haushälfte, jedoch nicht in Konkurrenz zueinander, sondern als Ergänzung.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen