Wilster : Vor ihr ziehen alle Männer den Hut

Sie spielt die prominenteste Frau der Stadtgeschichte: Urte Wolf alias Charlotte Doos mit Bürgermeister Wiechmann (Uwe Haberland) und Sekretär Hölck (Klaus Sötje) auf der Treppe ihres einstigen Domizils in der Rathausstraße.
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Sie spielt die prominenteste Frau der Stadtgeschichte: Urte Wolf alias Charlotte Doos mit Bürgermeister Wiechmann (Uwe Haberland) und Sekretär Hölck (Klaus Sötje) auf der Treppe ihres einstigen Domizils in der Rathausstraße.

Wie sich Urte Wolf für einen Tag in die prominenteste Frau der Wilsteraner Stadtgeschichte verwandelt.

shz.de von
02. Juni 2018, 08:03 Uhr

„Von dieser Frau könnten sich wohl viele von uns eine Scheibe abschneiden.“ Auch das ist ein Grund, weshalb Urte Wolf einmal im Jahr in die Rolle der Charlotte Doos schlüpft. Die große Wohltäterin und Mäzenin der Stadt ist seit 189 Jahren tot. Immer am Gildesonntag wird sie aber für einen Tag lebendig. Seit 2004 verkörpert Urte Wolf die Frau, die der Stadt nicht nur das Neue Rathaus und eine wertvolle Bibliothek hinterlassen hat. Und die 59-Jährige ist immer noch mit Begeisterung dabei.

Traditionell ist die Bürger-Schützen-Gilde von 1380 reine Männersache. Sie exerzieren, kämpfen um Trophäen und treffen sich gleich mehrfach zum Umtrunk. Frauen wirbeln hier allenfalls im Hintergrund. Nur an diesem einen Sonntag im Jahr stiehlt eine Frau allen Männern die Schau. Und die Mitglieder der Gilde – sie stehen symbolisch für alle Bürger der Stadt – ziehen im wahrsten Sinne den Hut vor ihr.

„Ich bin mit dem GildeVirus infiziert“, kann Urte Wolf darauf verweisen, dass nahe Angehörige schon 40, 50 oder sogar 60 Jahre hier ihren Mann stehen. Sie selbst griff mit 16 erstmals in das Gildegeschehen ein – als Marketenderin. Da gab es die Doos-Gruppe schon seit zwölf Jahren – soweit jedenfalls reichen ihre in einem Aktenordner fein säuberlich sortierten Unterlagen zurück. „Das habe ich auch mit Freude bis 1984 gemacht“, erinnert sich Wolf. Dann wurde die Position der Zofe von Charlotte Doos frei, die damals noch von Hedi Beimgraben verkörpert wurde. 2004 hat Urte Wolf dann ihre Nachfolge angetreten.

Am Sonntag um 17 Uhr wird sie wieder in Begleitung ihrer persönlichen Zofe, ihres Sekretärs Hölck (Klaus Sötje) und des von Uwe Haberland gespielten damaligen Bürgermeisters Wiechmann ihrem Volk von der Rathaustreppe aus zuwinken und stilecht in einer schmucken Kutsche durch die Stadt fahren. „Charlotte Doos war eine sehr edle Frau, mit einer sehr sozialen Einstellung“, nennt Wolf die Gründe, weshalb sie die Rolle immer wieder gern übernimmt. „In meinen Augen hatte sie eine vorbildliche Einstellung, auch anderen Menschen gegenüber.“ Das sei auch ein Grund, weshalb die Akteure zur Gilde dem Altenheim einen Besuch abstatten. „Für die Bewohner dort ist das immer ein echtes Highlight.“

Hoch willkommen ist Charlotte Doos mitsamt Gefolge auch in der Grundschule. Hier gibt es bei einem Besuch der Drittklässler Heimatkunde zum Anfassen. „Die Schüler sind immer ganz toll vorbereitet.“

Die erste Herausforderung bei der Übernahme der Rolle war allerdings die Suche nach einem zeitgemäßen Outfit. Das von Hedi Beimgraben sei ihr dann doch zu goldfarben gewesen, und habe ihr auch nicht recht gepasst. Urte Wolf fuhr ins Kreismuseum Prinzeßhof, wälzte mit der dortigen Leiterin Fachbücher über die Kleidermode aus den Anfängen des 19. Jahrhunderts und wurde fündig.

Das passende Material fand sie bei Jutta Gräfin Reventlow, einer ausgewiesenen Expertin für historische Stoffmuster. Genäht wurde das Kleid bei einer Schneiderin in Elmshorn. Fehlte nur noch eine authentische Kopfbedeckung. Sie wurde schließlich nach einem im Neuen Rathaus hängenden Portrait von Charlotte Doos von der damaligen Meisterschule für Modisten in Kellinghusen angefertigt. „Es war alles doch recht aufwendig“, erinnert sich Urte Wolf.

Kleid und Hut wird sie natürlich auch an diesem Wochenende wieder tragen. Ob sie selbst auch gern in dieser Zeit gelebt hätte? „Von der Kleidung her waren die Menschen damals immer bis oben zugeschnürt. Das ist heute doch besser.“ Und als Charlotte Doos ? „Sie ist sicher auch nicht immer glücklich gewesen, trotz ihres vielen Geldes. Ihre Kinder waren schon gestorben. Sie war am Ende wohl sehr einsam. Aber das Feeling, diese Rolle einmal zu spielen, ist schon etwas ganz Besonderes. Das genieße ich auch.“ Auch, so fügt sie hinzu, wenn die Fahrt mit der Kutsche über das Wilsteraner Knüppelpflaster schon recht heftig sei.

Am Sonntag wird man ihr aber solche Unbilden nicht anmerken. Urte Wolf alias Charlotte Doos wird einmal mehr huldvoll lächelnd in der Stadt unterwegs sein. An ihrer Seite natürlich wieder Tochter Leenke als Zofe. So hatte einst auch der Aufstieg von Urte Wolf zur prominentesten Frau der Stadtgeschichte begonnen.

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