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Autobahn 23 : Vor der Einweihung: Geister-Stimmung in der Störbrücke

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Am Samstag wird das Bauwerk mit großem Fest eingeweiht. Ein Blick ins dunkle Innere der Überführung.

Es fühlt sich an wie in einer Geisterbahn: Schwaches Licht, Staub liegt in der Luft und alle paar Sekunden ist ein Rumpeln zu hören, das von allen Seiten nachhallt. Nur die Geister fehlen im Inneren der Störbrücke, einem Ort, an dem sich nur selten Menschen aufhalten. „Wir befinden uns direkt unter der Fahrbahn“, sagt Claus Reese vom Landesbetrieb Straßenbau. Vor ihm liegt ein schmaler Gang, der schier endlos erscheint. Reese kann so gerade aufrecht stehen. Um einen besseren Eindruck zu bekommen führt er uns in die ältere der beiden Brücken, die 2010 eingeweiht wurde und über die bereits der Verkehr rollt. Im Inneren der Schwesternbrücke, die morgen eingeweiht wird, sieht es genauso aus.

Das laute Rumpeln stammt von den Autos, die oben über die Brücke rollen. Wenn man die Hand gegen die Betondecke legt, spürt man jedes Mal , wenn Verkehr kommt, eine kleine Erschütterung. Die Betondecke sei nur 35 Zentimeter dick, darüber liege eine nur acht Zentimeter hohe Asphaltschicht. „Es ist gut so, dass die Brücke sich bewegt“, sagt Reese, „sonst wäre sie nicht standsicher.“ Auch Beton sei kein totes Material, sondern würde sich bei Temperaturänderungen ausdehnen oder zusammenziehen – an der Oberfläche stärker als im Inneren der Brücke. Und die Stahlträger, die das Bauwerk zusammenhalten, würden noch einmal ganz anders auf Wärme reagieren.

Deshalb seien alle Bauteile schwimmend gelagert. Durch einen kleinen Schlitz zwischen den beiden Fahrbahnen der Brücke fällt das Tageslicht. Und auch zwischen Stahlträgern und Beton sind Lufträume zu sehen. An einem der Stahlträger ist eine Skala angebracht: „Die zeigt die Längenänderung der Brücke auf Grund von Temperaturschwankungen an. Das können durchaus mehrere Zentimeter sein.“

Insgesamt ist der Gang unter der Fahrbahn 565 Meter lang, so lang wie das mittlere Brückenteil, das genau über der Stör liegt. Über einen Steg ist das Innere bequem begehbar. Alle vier Meter ist eine Nummer am Geländer angebracht. „Damit man weiß, wo man genau ist.“ Der Gang diene in erster Linie dazu, das Bauwerk regelmäßig zu überprüfen. Alle drei Jahre klopfe ein offizieller Prüfer die Betonschicht ab. Risse werde er dabei immer finden, denn einen Beton ohne Risse gebe es nicht. „Die Kunst ist, die Risse so zu verteilen, dass sie nicht zu dicht beieinander liegen.“

Wasser fließt nicht nur unterhalb der Brücke in der Stör, sondern auch im Inneren. Überall laufen überall Rohre entlang, aus denen ein leichtes Plätschern zu hören ist. Wenn es stark regnet, könne dieses Plätschern auch schnell zum Rauschen werden, erklärt Reese. Denn hier werden das Wasser von der Fahrbahn abgeleitet. „So können wir sicherstellen, dass bei Starkregen kein Aquaplaning auf der Straße entsteht.“ Das Wasser fließe in ein Rückhaltebecken am Fuß der Brücke.

Rechts und links des Stegs zeugen an vielen Stellen Haken, teilweise so groß wie ein menschlicher Kopf, von der Ingenieursleistung, die beim Errichten des Bauwerks vollbracht wurde. „Die Haken dienten zum Transport der einzelnen Brückenteile mit dem Kran. Weil sie jetzt nicht weiter stören, sind sie immer noch da.“ Stück für Stück wurde die Brücke so über der Stör zusammengesetzt. 1200 Tonnen wog das schwerste Einzelteil.

„Wir sehen hier das Ergebnis von 50 bis 100 Jahren Erfahrung im Brückenbau in Deutschland“, sagt Reese, während er langsam über den Steg zurück Richtung Ausgang schreitet. Längst nicht jede Brücke sei so funktional und problemlos begehbar, wie die Störbrücke. Über eine Treppe geht es hinunter zu der kleinen Tür, die wieder zurück zur alten Kreisstraße direkt neben der Stör führt. Er zückt einen Schlüssel, der aussieht wie ein kleiner Dreizack. „Das ist der sogenannte Knochen, eine Art Universalschlüssel für Brücken erläutert er.“ Es knackt, als er ihn im Schloss rumdreht und die „Geisterbahn“ verschließt. Reese hofft, dass er so schnell nicht ins Innere der Brücke zurückkehren muss: „Denn solange alles in Ordnung ist, müssen wir die Brücke eigentlich nicht betreten.“

 

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erstellt am 23.Okt.2015 | 05:05 Uhr

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