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Interview : „Vor 25 Jahren war das Pionierarbeit“

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Als erste hauptamtliche Gleichstellungsbeauftragte im Kreis Steinburg zieht Jutta Ohl noch einmal Bilanz – und sieht noch Handlungsbedarf

von
erstellt am 06.Dez.2016 | 12:00 Uhr

Vor 25 Jahren hat der Kreis Steinburg mit Jutta Ohl seine erste hauptamtliche Gleichstellungsbeauftragte eingestellt. 17 Jahre lang hatte die Bekmünderin das Amt inne, bevor sie 2008 in Ruhestand ging. Die Gleichstellung von Männern und Frauen sei auch heute noch immer nicht erreicht, sagt die 73-Jährige im Interview mit unserer Zeitung.

Frau Ohl, vor 25 Jahren sind Sie zur ersten hauptamtlichen Gleichstellungsbeauftragten des Kreises Steinburg gewählt. Was trieb Sie an, für dieses Amt zu kandidieren?
Für mich war klar, dass die Gleichstellung nicht gegeben war – trotz Artikel 3 Abs.2 im Grundgesetz, der besagt, Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Das war aber nicht so. Da habe ich gedacht, das ist die richtige Aufgabe. Ich habe mich mit meinem Mann beraten, der mir zugeredet hat und sagte, da wirst du viel bewegen können. Ich war damals Pionierin. Ich hatte jedoch von Anfang an viele Unterstützerinnen und Unterstützer, aber ich hatte auch viele Gegnerinnen und Gegner. Da musste ich viel Überzeugungsarbeit leisten. Und das ist mir mit vielen Projekten und Aktivitäten gelungen. Ich konnte ein gut geführtes Büro und auch Projekte, die man weiterführen konnte, übergeben.

Wie sieht ihre Bilanz aus? Haben Sie etwas bewirken können?
Ich denke, nach 17 Jahren konnte ich eine ganz positive Bilanz ziehen und habe auch viel verändert – für die Frauen gleichermaßen wie für die Männer. Die weibliche und männliche Sprache hat sich durchgesetzt. Statistiken werden aufgeteilt nach Jungen und Mädchen geführt, um Defizite sofort zu erkennen. Stellenanzeigen sprechen Frauen und Männer gleichermaßen an. Frauenparkplätze sind eingeführt und Gewalt gegen Frauen ist kein Tabu-Thema mehr. Das Personalmanagement steigerte den Anteil von Frauen in Führungspositionen in der Verwaltung. Ausbildungsplätze und Fortbildungsangebote für Alleinerziehende haben sich entwickelt. Nur in der Politik sind Frauen noch nicht genügend angekommen. Im allgemeinen sind es in den Parlamenten der Kommunen nur 25 Prozent oder weniger.

Woran fehlt es noch, um zu einer besseren Gleichstellung von Frauen und Männern zu kommen?
Ein ganz entscheidender Faktor ist die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Dies gelingt unter anderem mit flexiblen Arbeitszeiten, entsprechenden Pausen. Bisher wird viel versucht und experimentiert, aber es gibt noch nicht die endgültige Lösung. Da lohnen Blicke in andere europäische Länder, die viel weiter sind. In Skandinavien ist das kein Thema. Da war von Anfang an klar, dass Frauen berufstätig bleiben aufgrund ihrer guten Ausbildung. Und es muss darum gehen, dass Frauen endlich auf allen Gebieten das Gleiche verdienen wie Männer. Und es kann auch nicht sein, dass Gremien immer nur mit Männern besetzt sind. Es hat sich zwar einiges getan, aber ich glaube, es ändert sich nur etwas, wenn Gleichstellungspolitik auf Defizite aufmerksam macht.

Haben es Frauen heute leichter als zu Beginn ihrer Amtszeit oder brauchen wir in manchen Bereichen eine Frauenquote?
Der Ruf nach der Quote ist nicht unbegründet. Diese wollen sich viele Männer aber nicht vorschreiben lassen. Sie sagen, gute Frauen kommen auch so nach oben. Das ist aber nicht so, denn dann wären wir alle oben. Wir sind alle gut, haben aber immer wieder Hürden und Barrieren zu überwinden. Wir brauchen deshalb eine Pari-Pari-Quote. Ich höre dann ganz oft, Frauen wollen Verantwortung gar nicht übernehmen. Auch das ist nicht richtig. Frauen wollen durchaus Verantwortung. Man muss sie ranführen, sie fördern und befördern. Das haben die fünf Kommunen, die gerade bundesweit den Gender-Award bekommen haben, erkannt. Nur gemeinsam kann etwas erreicht werden.

Dass keine Steinburger Kommune einen dieser Gleichstellungspreise gewonnen hat, heißt demnach, dass hier in Sachen Gleichstellung noch einiges im Argen liegt.
Es gibt gute Ansätze, aber hier kann noch sehr viel getan werden. Das kommunalpolitische Handeln muss sich an gleichstellungspolitischen Fragen messen lassen. Ich würde mir deshalb wünschen, dass Verwaltungen Strategien entwickeln und Gedanken der Gleichstellung in der Öffentlichkeit umfassend verankern. Maßnahmen, Projekte und Aktivitäten, die der Gleichstellung dienen, müssen dauerhaft zum Bestandteil des kommunalen Handelns werden. Für die Ausarbeitung der Strategien können Gleichstellungsbeauftragte Hilfestellung geben.

Unter den vielen Projekten und Aktionen, die Sie angeschoben oder organisiert haben- was lag Ihnen besonders am Herzen?
Ich hatte so viele Highlights. Aber am Herzen lagen mir besonders die Verbindungen zu unserer ausländischen Frauen und Mädchen und vor allem auch der regelmäßige Austausch und die Treffen mit den anderen haupt- und ehrenamtlichen Gleichstellungsbeauftragten im Kreis. Wichtig war mir, von Anfang an eine starke Frauengruppe zu bilden und gemeinsam aufzutreten. Und am Herzen lag mir auch, jedes Jahr etwas Neues zu machen, ein neues Programm zu haben und damit kontinuierlich etwas weiterzuentwickeln. Wichtig war mir ferner die Vernetzung auf Landesebene, sonst hätte ich mich auch nicht aufstellen lassen als eine der Bundesvorsitzenden.

Gibt es irgendwas in den 17 Jahren, was Sie gerne noch geschafft hätten, aber nicht geschafft haben?
Das, was ich mir in den Kopf gesetzt habe, habe ich auch versucht umzusetzen. Ich hätte vielleicht noch mehr dokumentieren müssen für später, da reichen die Jahresberichte eigentlich nicht aus. Aber dafür braucht man Zeit und ich hatte ja auch keine Assistenz und Hilfe. Ich saß ja allein. Auch das ist ein Punkt, der sich ändern muss. Die Kommune muss ihren Gleichstellungsbeauftragten Hilfen zur Seite stellen.

Überregional bekannt wurden Sie ja auch, weil Sie das Fräulein abschaffen wollten?
Stimmt. Es ging um Formulare im Verkehrsamt, auf denen noch Herr, Frau und Fräulein stand. Da habe ich gesagt, das kommt sofort weg. Und wenn ihr das nicht macht, gehe ich in die Öffentlichkeit. So ist es auch eingetroffen. Es stand sogar in der Bildzeitung, dass ich das Fräulein abschaffen will. Und ich habe auch einen Discounter deshalb angeschrieben. Einige Verkäuferinnen hatten noch Namensschilder, auf denen Fräulein stand. Dies ist dann auch sofort geändert worden. Neben Zustimmung hatte ich dann auch Anrufe von Frauen, die weiter Fräulein genannt werden wollten.

Würden Sie heute noch einmal kandidieren?
Ich würde es sofort wieder machen. Aber das müssen jetzt junge Frauen leisten. Und junge Männer. Ich hatte einen tollen Mann an meiner Seite, aber auch eine gute Unterstützung in der Öffentlichkeitsarbeit durch Ihre Zeitung. Allerdings kann man die Arbeit mit einer halben Stelle oder einer dreiviertel Stelle nicht leisten. Das muss eine volle Stelle sein. Das hat der Kreis jetzt Gottseidank auch erkannt und wieder eine volle Stelle genehmigt. Vorher war ja es ja schlimm.

Nach dem Ausscheiden aus dem Amt haben Sie sich aber noch nicht ganz zur Ruhe gesetzt?
Stimmt. Ich bin eigentlich im Unruhestand. Ich mache ja noch eine ganze Menge. Unter anderem habe ich den Verein Donna und Doria, der macht sehr viel Spaß. Und ich schreibe zusammen mit Christine Berg ein Buch über 400 Jahre Frauen in Glückstadt, dass zum Jubiläum der Stadt 2017 erscheinen wird.




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