Anekdoten aus vergangener Zeit : Von Schlachtfesten und Notbremsen

Das Schlachtfestbild ist vor der alten Leichenhalle aufgenommen worden.  Foto: Archiv Kolang
1 von 3
Das Schlachtfestbild ist vor der alten Leichenhalle aufgenommen worden. Foto: Archiv Kolang

Stadtarchivar Richard Kolang hat "Nachdenkliches und Amüsantes" aus dem alten Kellinghusen aufgeschrieben

Avatar_shz von
29. Juni 2013, 09:19 Uhr

KELLINGHUSEN | "Wat Rentners vertellt" - unter diesem Titel hat Stadtarchivar Richard Kolang "Amüsantes und Nachdenkliches" aus dem alten Kellinghusen zusammengestellt. Ergänzend zu den Döntjes aus der Störstadt füllte er die im Ringbuchstil zusammengefasste vergnügliche Rückschau mit historischen Ablichtungen.

Das "Schlachtfest" in der Bergstraße verweist auf die damals übliche Hausschlachtung. Stolz zeigen sich Besitzer und Schlachter mit dem abgebrühten und aufgehängten Borstenvieh - und natürlich ranken sich darum Geschichten. Erinnerungen weckt die Fotografie vom Bahnhofsgebäude in Wrist in Original-Architektur. Der vordere Eingang sowie die seitlich davon aufgereihten drei Fenster der Bahnhofsgaststätte erzählen von beschaulichen Zeiten, als Reisende noch Muße zu Einkehr fanden. Das damals auch allerlei "dumm Tüch" ausgeheckt wurde, belegt Kolang mit vielerlei Überlieferungen, wie der des "Blitzzuges". Verstrickt in diese wie auch andere Anekdoten war der Kellinghusener "Zollstockclub". Dessen Mitglieder - allesamt honorige Störstädter - trafen sich ein- oder zwei Mal wöchentlich im "Kaisersaal" von Christian Grabbert. "Jeder musste beim Erscheinen im Lokal einen Zollstock vorzeigen, oder 50 Pfennige in die Pinke zahlen", erklärt Kolang. Wenn es am gemütlichen Stammtisch einmal keine Neuigkeiten aus dem Ortsgeschehen zu berichten gab, dachten sich die Herren allerlei Scherze aus. So schloss Heinrich Meister eines Abends gegen die Stimmen fast aller Kollegen die Wette ab, dass der "Blitzzug" in Wrist halte. Meister stieg in Hamburg ein und vor den staunenden "Zollstöckern" auf dem Wrister Bahnhof wieder aus. Der Kellinghusener hatte kurzerhand die Notbremse gezogen um die Wette zu gewinnen - und musste 50 Mark Strafen zahlen.

"Wenn die Geschichten nicht aufgeschrieben werden, gehen sie unwiederbringlich verloren", begründet der Stadtarchivar seine mühevolle Arbeit. Für die Zusammenstellung sichtete er nicht nur eine Vielzahl von "Stör-Boten"-Seiten. Fündig wurde er außerdem in Gesprächen mit älteren Kellinghusenern sowie im eigenen Archiv. Wesentlich mehr Zeit in Anspruch nahm die jetzt fertiggestellte und auf eigene Kosten gedruckte Dokumentation über "Straßen und Häuser aus alter Zeit". Die ebenfalls liebevoll bebilderten - die Fotos stammen zum Teil von Detlef Vahlendiek - Texte zur Geschichte Kellinghusens stellte Kolang aus den Unterlagen des Stadtarchivs zusammen. "Auf keinen Fall soll die Schriftenreihe als Chronik verstanden werden," streicht er heraus. Der erste der insgesamt drei Bände im Schulheft-Format befasst sich mit der Entstehungsgeschichte Kellinghusens, die nach Kolangs Meinung "völlig im Dunkeln" liegt. Die Ausführungen eines der wichtigsten Chronisten, Christian Kuß, sind von vielen nachfolgenden Geschichtsschreibern für ihre Arbeit herangezogen worden. Kolang veröffentlicht sie jetzt so, wie sie 1830 in den Schleswig-Holstein-Lauenburgischen Provinzialberichten veröffentlicht wurden.

Eine Frage, die den Archivar bei seiner Fleißarbeit in den Sinn kam, bleibt allerdings unbeantwortet: "Warum gibt es vor Ort keine Straße und keinen Platz, der nach Kuß benannt wurde?" Im zweiten Band der Texte zur Stadtgeschichte beleuchtet Kolang Handel und Gewerbe im Laufe der Zeit. Beeindruckend sind bereits die Tabellen auf den ersten Seiten. Akribisch aufgelistet sind dort die unterschiedlichen Gewerbebetriebe in den Jahren 1892 und 1897. Staunenswert aus heutiger Sicht ist zudem, dass 4000 Mark Betriebseinkommen damals offenbar üblich und auskömmlich waren.

In mühevoller Kleinarbeit nahm Kolang sich außerdem Straße für Straße vor und beschreibt anhand der Hausnummern chronologisch die unterschiedlichen Gewerbeansiedlungen und ihre Geschichte. In der Apotheke in Hauptstraße 28 zum Beispiel, erhielten die Kellinghusener schon 1736 Pillen und Salben. Der letzte Pharmazeut in einer Reihe von 15 Pächtern übernahm das Geschäft 1967. Das dritte Heft mit dem Titel "Straßen und Häuser aus alter Zeit" beginnt mit einem Spaziergang durch den Flecken Kellinghusen im Jahr 1741 und knüpft eng an den vorhergehenden Band an. "Handel und Gewerbe lassen sich nicht von den einzelnen Häusern trennen", sagt Kolang. Eine Fülle von Geschichten - vom "Stinkbüdelgang" bis hin zur Schankwirtschaft Gambrinus/Kaisersaal und heute Chinarestaurant bieten auch dort eine fesselnden Lektüre. > Weitere Infos und Hefte: 04822/2749

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen