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Norddeutsche Rundschau

15. Dezember 2017 | 05:53 Uhr

Lesung : Von Ostpreußen bis nach Wacken

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Volles Haus im Spiegelsaal des Neuen Rathauses in Wilster bei der Lesung von Arno Surminski. Wo Lebensgeschichten lebendig werden.

shz.de von
erstellt am 20.Jan.2014 | 17:06 Uhr

Auf die Veröffentlichung seines Bestsellers „Jokehen: Oder wie lange fährt man von Ostpreußen nach Deutschland?“ hin hat Autor Arno Surminski (79) zahlreiche Briefe erreichten. Die Stimmen der Leser, die im Ort Jokehen ihre eigene Lebensgeschichte wiederfanden, sammelte der Autor und brachte sie nun gemeinsam mit seinen Antworten heraus. Im Spiegelsaal des Palais Doos/Neuen Rathauses las der Schriftsteller und Journalist aus diesem jüngsten Buch, „Jokehnen und die Stimmen der Anderen“. Das Interesse war riesig. Im voll besetzten Saal drängten sich knapp 100 Zuhörer und ließen keine Platz mehr frei.

Dabei machte der Autor deutlich, dass die meisten Zuschriften sich beeindruckt vom Gelesenen zeigten, dass es aber darauf zwei Reaktionen gab: Lob und Kritik. Um dies plastischer vor Augen zu führen, wurden die Briefe durch seine Frau Traute verlesen, seine Antworten von ihm selbst.

Im Schein der Leselampe und gedämpftem Licht wurden die Briefe zu eindrücklichen Zeugnissen für das Empfinden, das Erlebtes beim Lesen wieder hervorrufen kann. So sparte ein Pastor nicht mit Kritik darüber, dass Surminski trotz der Romanform die Personennamen nur wenig verändert habe und so jahrzehntealter Dorfklatsch neu belebt werde. Auch sei eine „Unfähigkeit, christliche Inhalte nachzuempfinden“ bemängelte er.

Surminski hingegen betonte, dass er glaubte, alles so verändert zu haben, wie es hätte verfremdet werden müssen. Auch das Argument mangelhafter Religiosität ließ er nicht gelten. „Immerhin habe ich schon mit 17 die Bibel gelesen.“

Typisch sei auch der Wunsch von Lesern nach der Schilderung von Nur-Gutem gewesen. „Dann allerdings hätte ich etwas hinzuerfinden müssen, weil es sonst eine zu heile Welt gewesen wäre.“ Eine Frau, die bei der Flucht vergewaltigt, gefoltert und gejagt wurde, die ihre Geschichte aber verschwiegen hat, ging erst aufgrund der Lektüre die Verarbeitung an. Eine krebskranke Frau aus Los Alamos (USA), die niemals in Deutschland war, konnte beim Lesen ihre eigenen körperliche Probleme vergessen und wollte „mehr wissen über die Gegend und die Person, die so ergreifend darüber schreibt.“ So gab es ein Zusammentreffen mit dem Autor auf einem Schiff in Hamburg. „Sie hat sogar ihren Krebs überwunden.“

Aus Antworten auf Fragen einer Friedensinitiative richtete er seinen Blick in die Zukunft. „In einer veränderten Welt ist es die Aufgabe der Politik, sich so zu verhalten, dass es keinen Anlass mehr zu Kriegen gibt und der Jugend, so kritisch zu sein, sich nicht von emotionalen Happenings verführen zu lassen.“

Etwas heiterer wurde es dann im zweiten Teil, in dem er über Erlebnisse während des Wacken Open Airs berichtete, denn: Sie haben ein Wochenendhaus in dem Dorf, in dem jedes Jahr das größte Heavy Metal Festival der Welt statt findet. In seiner Geschichte „Rosamunde oder die Schwarzen kommen“ schilderte er die Geschichte, wie einige Anwohner trotz anfänglicher Skepsis gegenüber „Krach und tanzenden Teufeln“ durch die persönliche Begegnung und angespornt durch das alte Volkslied „Rosamunde“, intoniert durch die Feuerwehrkapelle „Firefighters“ doch noch Freundschaft mit den „schwarzen Schwermetallern“ geschlossen haben.

Während Traute Surminski am Rande die „schöne Atmosphäre des Saals“ lobte, die der Lesung etwas „Feierliches“ verlieh, waren die Besucher beeindruckt. So saß die über 90-jährige Elfriede Gilde in der ersten Reihe. „Ich stamme zwar nicht aus Ostpreußen, habe die Zeit aber noch miterlebt. Es ist wichtig, dass diese Ereignisse immer wieder zur Sprache kommen.“ Und Anneliese Hasenäcker, die neben ihr saß, meinte: „Es hat mir gut gefallen. Das Gelesene einmal vom Autor selber zu hören, macht es noch lebendiger.“

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