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Schiedsmänner : Von Nackttänzern und Betrügern

vom
Aus der Redaktion der Norddeutschen Rundschau

Scheidende Schiedsleute übergeben alte Protokollbücher. Das Amt Kellinghusen sucht jetzt weitere Schlichter. Für die Gemeinden Hingstheide, Quarnstedt, Rosdorf, Störkathen, Wrist und Wulfsmoor sowie die Stadt Kellinghusen liegt bislang nur eine Bewerbung vor.

Die schlimmste Handschrift hatte Detlev von Liliencron – der ehemalige Schiedsmann Dietrich Kabbe muss es wissen. In seiner Freizeit „übersetzte“ er 118 Abschriften aus den Protokollbüchern von 1879 bis 1953. Manches Mal erforderte die Arbeit geradezu kriminalistischen Spürsinn. Zumal sämtliche Daten in „Sütterlin“-Schrift verfasst sind. Diese Standardschrift – vorher gab es unterschiedliche Kanzleischriften – wurde jedoch nur bis zirka 1940 in deutschen Schulen gelehrt. „Eine Zeit lang war der ehemalige Kämmerer Dietrich Kabbe der einzige im Rathaus, der diese Schrift lesen konnte“, sagt Hans Walter Juister.

Zehn Jahre waren die beiden Kellinghusener als Schiedsmänner tätig. Unter dem Motto „lieber Schlichten als Richten“ bewahrte das Duo zahlreiche Streithähne vor dem Gerichtsgang. Kabbe hat sein Ehrenamt bereits abgegeben. Und auch Juister will am Ende der fünften Wahlperiode jüngere Leute nachfolgen lassen. Insgesamt stellte er sich dem Ehrenamt beachtliche 22 Jahre zur Verfügung. Weiterhin tätig bleiben wird er im Bezirks- und Landesverband der Schiedsmänner und –frauen. Endlos könnten die Mediatoren Fallgeschichten erzählen. Ein Blick in die alten Folianten zeigt, dass auch ihre Vorgänger vor mehr als 100 Jahren mit verbalen sowie „thätlichen“ Auseinandersetzungen zu tun hatten.

Schon in den Jahren von 1883 bis 1890, als Liliencron sich als beamteter königlicher Kirchspielvogt in Kellinghusen mit seiner „Klaue“ im Protokollbuch verewigte, waren Beleidigungen und üble Nachrede an der Tagesordnung. Als Spitzbube, Rindviech und Hanswurst beschimpften sich Rossschlächter, Uhrmacher, Bäcker und Landmänner gegen Ende des vorvorigen Jahrhunderts. Als Kulisse für die Beleidigung sind häufig stadtbekannte Gaststätten genannt (Eigennamen wurden in der Übersetzung von Kabbe durch Punkte ersetzt).

Es ging aber auch so pikante Dinge wie etwa die Verleumdung gegenüber der zukünftigen Schwiegermutter, unterstellte Nackttänze vor Kneipenpublikum oder eine von außen verschlossene Closettthür im Eisenbahnabteil.

Soldatenschickse, Staatsbetrüger und Radio London-Hörer sind die gängigen Vokabeln in der Zeit des Nationalsozialismus. Allerdings hielt sich die Arbeit der Schiedsleute mit weniger als einem Dutzend Einsätzen jährlich in Grenzen. Sprunghaft in die Höhe schnellten die Schiedsfälle in den Jahren 1949 und 50. „Da herrschte durch den Zuzug von Flüchtlingen aber auch eine besondere Enge in der Stadt“, erklärt Juister. Zuletzt befanden sich die alten Protokollbücher in den Händen von Schiedsmann Hermann Jäger, landeten dann aber wieder im Haus des vormaligen Schiedsmanns Heinrich Schnoor und bei dessen Sohn Jochen Schnoor. „Als das Stadtarchiv kein Interesse an dem Schatz signalisierte, und man mich frage, habe ich die Bücher gern übernommen“, sagt Juister.

Am Schluss seiner Amtszeit überreichte er die mit reichlich Gebrauchsspuren versehenen Dokumente nun an Lars Kiepert, stellvertretender Leiter des Fachbereichs Bürgerdienste im Amt Kellinghusen. „Wir werden einen Ehrenplatz für die Bücher und die Übersetzung finden“, verspricht Kiepert. Zunächst einmal ermuntert er jedoch Bürger, sich für das Ehrenamt der Schiedsperson zu bewerben. Für die vorhandene Vakanz für den Bezirk II mit den Gemeinden Hingstheide, Quarnstedt, Rosdorf, Störkathen, Wrist und Wulfsmoor sowie die Stadt Kellinghusen liegt bislang nur eine Bewerbung vor.

Interessenten können sich bis Freitag, 25. Oktober bei Lars Kiepert, Telefon 04822/370117, melden oder eine schriftliche Bewerbung an das Amt Kellinghusen schicken.

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